Wenn die Nacht zum Tag wird

Name und Kleidung sind Programm: Guido Schwarz trägt gern schwarz und kämpft mit Dark Sky Switzerland gegen die immer stärkere Lichtverschmutzung. Auch in der Stadt St. Gallen. Ein nächtlicher Augenschein in Winkeln.

Markus Rohner
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Guido Schwarz: «Mehr Licht heisst nicht zwingend mehr Sicherheit.» (Bild: Daniel Ammann)

Guido Schwarz: «Mehr Licht heisst nicht zwingend mehr Sicherheit.» (Bild: Daniel Ammann)

st. gallen. Man hätte sich auch irgendwo zwischen Boden- und Genfersee treffen können. In der dichtbesiedelten Schweiz ist es für den 45jährigen Guido Schwarz ein Leichtes, auf sein Problem aufmerksam zu machen. Einkaufszentren und Fussballarenen zum Beispiel, wie sie immer zahlreicher aus dem Boden schiessen, sind für Schwarz ideale Orte, wo er zeigen kann, wie man es nicht machen sollte. Im Westen St.

Gallens braucht der Präsident von Dark Sky nicht lange zu suchen: Das grelle Blau der AFG Arena springt sofort ins Auge. Aber auch die vielen anderen Lichtquellen, die in Winkeln die Nacht fast zum Tag machen, fallen Schwarz auf: «Solche Lichtorgien sind in der Schweiz Alltag geworden.»

Auf dem Lukmanier

Guido Schwarz, ein ehemaliger Journalist und heute Mediensprecher in der Stadtverwaltung von Zürich, war früher ein begeisterter Amateurastronom.

Bis ihm am Wohnort Watt-Regensdorf die Lichter des nahen Flughafens Kloten sein Hobby ausgetrieben haben. «Licht macht nie an der Stadtgrenze halt und ist über Kilometer hinweg zu sehen.» In Winkeln sind es nicht nur die Lichter der Stadt, sondern auch der Lichtsmog von Herisau, Gossau und Gaiserwald, der Schwarz stört.

Wer nun glaubt, irgendwo in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge finde noch jeder seine dunkle Nacht, der irrt. «Selbst auf der Lukmanier-Passhöhe sind die Lichter Mailands zu sehen.» Schwarz' Fazit ist ernüchternd: Nirgends in der Schweiz findet man einen Quadratkilometer Fläche, auf der keine Lichtquelle strahlt.

Fatale Folgen

Guido Schwarz ist robust und alles andere als ein Träumer. Er weiss selbst gut genug, dass die alten Zustände nie mehr zurückkehren. «Dafür sind Wohlstand und Siedlungsdruck ganz einfach zu gross geworden.

» Aber auf die Problematik der grassierenden Lichtverschmutzung aufmerksam machen, diese Freiheit will er sich nicht nehmen lassen.

Es ist nicht allein die Energieverschwendung, die den Dark- Sky-Präsidenten ärgert. «Mindestens so schlimm sind die Folgen für Menschen und Tiere.» Untersuchungen der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel hätten gezeigt, dass Licht am falschen Platz und zur falschen Zeit nicht nur zu Schlafstörungen führe, sondern auch ein Gesundheitsrisiko für den Menschen werden könne.

Aber nicht nur der Mensch reagiert auf zu viel Licht in der Nacht. Zugvögel, die unterwegs sind und sich an den Sternen orientieren, werden von grossen Lichtquellen und Lichtglocken angezogen. In den Scheiben von beleuchteten Bürotürmen enden diese Flüge sehr oft tödlich.

Wer in der Nacht Lichtquellen beobachtet, erkennt schnell die nachtaktiven Insekten, die sich im künstlichen Licht tummeln.

«Schätzungen gehen davon aus, dass in den Sommermonaten an jeder Strassenlampe durchschnittlich 150 Insekten getötet werden», sagt Schwarz. Das sind in jeder Nacht 10 Millionen tote Lebewesen, die später in der Nahrungskette anderer Tiere fehlen.

Falsche Sicherheit

Aber wenigstens bringt dieses viele Licht dem Menschen mehr Sicherheit, so die Volksmeinung. «Auch wieder ein Trugschluss. Es ist eine subjektive und trügerische Sicherheit, die hier vermittelt wird.

Denn es gibt keinen Hinweis darauf, dass mehr Licht auch zu mehr Sicherheit führt», sagt Schwarz. Bestes Beispiel sind für ihn die Schockbeleuchtungen bei Einfamilienhäusern sowie bei Gewerbe- und Industriebauten. Einbrecher hätten sich davon noch nie abhalten lassen.

Trendumkehr in Sicht

Erste Erfolge kann Dark Sky verzeichnen. «Wir sind für viele Behörden und Architekten zu einem wichtigen Gesprächspartner geworden», sagt der Präsident.

Die Stadt Zürich hat einen «Plan lumière» verabschiedet, verschiedene Kantone arbeiten an Regelungen betreffend Lichtverschmutzung. Als jüngst im Outlet-Center in Landquart GR der Parkplatz die ganze Nacht beleuchtet war, gab es so starken Widerstand aus der Bevölkerung, dass die Scheinwerfer abgestellt werden mussten. «Das sind Zeichen, die uns zuversichtlich stimmen», sagt Guido Schwarz.

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