Wenn die Madonna klingelt

Religion kann kreativ sein. Dies zeigt sich am Brauchtum, ein Marienbild in einem Kreis von Haushalten herumwandern zu lassen. Drei Tage verweilt es, dann pilgert es weiter. Ein solcher Kreis wird im August auch in Grub gebildet.

Josef Osterwalder
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Die pilgernde Madonna von Eggersriet auf Besuch bei der Familie Krömler. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die pilgernde Madonna von Eggersriet auf Besuch bei der Familie Krömler. (Bild: Hanspeter Schiess)

EGGERSRIET. «Nein, die Madonna ist noch nicht eingetroffen», sagt Elisabeth Krömler beim Anruf des Tagblatts, «aber sie kommt heute abend bestimmt.» Mit der Madonna ist ein kleines Tafelbild gemeint, Maria mit dem kleinen Jesus auf dem Arm. Es ist ein naturalistisch gemaltes Bild, eine junge Maria, so wie man sie in neubarocker Zeit gerne gemalt hat.

Bei der Familie Krömler hat das Bild seinen vorbestimmten Platz, zwischen Esszimmer und Wohnküche, steht also mitten im Leben der Familie. Drei Tage wird es hier verweilen, anschliessend geht es zur nächsten Adresse. Und dann, nach einem Monat, kehrt es wieder zurück.

Kirche bei den Leuten

Acht Familien teilen sich in der Regel ein solches Bild, lassen es nach festem Fahrplan herumwandern. In Eggersriet geschieht dies in zwei Kreisen. Ein weiterer ist in Grub am Entstehen. «In Eggersriet pflegen wir den Brauch seit gut fünf Jahren», sagt Sylvia Schmidlin, die die pilgernde Madonna durch ihre Tochter kennengelernt hat. Das Brauchtum hat sich im Umfeld der Schönstattbewegung (Kasten) entwickelt. Beim Bild handelt es sich um eine kleine Kopie jener Madonna, die in den so genannten Schönstattkapellen verehrt wird. «Die Idee ist, dass mit diesem Bild die Kirche zu den Leuten kommt, mitten in ihren alltäglichen Lebenskreis hinein», sagt Pater Josef Hälg von der Schönstattbewegung.

«Es ist ein Angebot, die Madonna zu sich zu nehmen, auch ohne der Bewegung anzugehören», sagt Sylvia Schmidlin; «als Hilfe wird ein Ordner mit Gebetsblättern beigegeben, aber diese sind nicht verpflichtend; sie gehören einfach zum Angebot. Wir erwarten einzig, dass man sich auf den Besuch Marias freut.»

Von Quarten aus betreut

In der Schweiz wird das Brauchtum der pilgernden Madonna von Schwester Ursula Maria begleitet. Sie gehört zu den Marienschwestern, die das Bildungshaus Neu-Schönstatt in Quarten betreuen. Am 3. Juli stellte sie das Projekt in Grub vor, beim Sonntagsgottesdienst und in der anschliessenden Gesprächsrunde. Auch sie betont, dass das Mitmachen in einem solchen Kreis nicht mit besondern Verpflichtungen verbunden sei. Schwester Ursula erzählt, wie einmal in einer Rheintaler Familie das Bild angekommen war. «Wau», sagte ein Nachbarsbub zum dreizehnjährigen Kameraden, «ist Deine Mutter so fromm?» «Nein», habe dieser geantwortet, «die Madonna besucht uns alle.»

Tamilen und Diplomaten

Man möchte das Brauchtum ohne frömmelnden Beigeschmack pflegen, sagt Schwester Ursula. Und es beschränke sich darum auch nicht auf katholische Haushalte. Auch protestantische seien dabei und zumindest ein Bild kursiere unter hinduistischen Tamilen.

In der Schweiz schätzt die Schwester die Zahl der Kreise auf 600. Besonders zahlreich sind sie in der Ostschweiz. Allein in Gossau «pilgern» neun, in Abtwil acht Bilder. Aber auch in der Romandie breite sich der Brauch aus; in Genf wurde er von ausländischen Diplomaten eingeführt.

«Auch in einem Schweizer Gefängnis ist ein Marienbild unterwegs», sagt die Schönstattschwester, «unter den Gefangenen scheint sie ganz besonders willkommen zu sein.»