Wenn die Hauptstrasse keine ist

Wo nichts anderes signalisiert ist, gilt auf der Dorfstrasse in Berg Rechtsvortritt. Das schreibt der Gemeinderat im Mitteilungsblatt. Der Grund für seine Lektion in Verkehrskunde: Es sei immer wieder zu Missachtungen gekommen.

Daniel Wirth
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Auf der Dorfstrasse in Berg gilt «rechts vor links». (Bild: Urs Bucher)

Auf der Dorfstrasse in Berg gilt «rechts vor links». (Bild: Urs Bucher)

BERG. Dem Gemeinderat war aus der Bevölkerung mitgeteilt worden, dass die Regel des Rechtsvortritts auf der Dorfstrasse von Verkehrsteilnehmern nicht oder zu wenig beachtet werde. Das Einhalten der Regel «rechts vor links» sei aber Voraussetzung für einen Verkehr ohne Unfälle auf der Dorfstrasse, schreibt der Gemeinderat sinngemäss. Eine Überreaktion des Gemeinderats von Berg? «Nein», sagt Christian Jung von der gleichnamigen Auto- und Motorrad-Fahrschule in Abtwil. «Auf der Dorfstrasse muss man tatsächlich Obacht geben», sagt Jung. Er fahre mit seinen Fahrschülern ganz bewusst nach Berg, um dort mit ihnen «rechts vor links» zu üben.

Wissen wäre besser als meinen

Viele Verkehrsteilnehmer und Fahrschüler meinten, die Dorfstrasse in Berg sei eine Hauptstrasse und sie hätten darum Vortritt. Doch mit dem Meinen sei es so eine Sache, sagt Fahrlehrer Jung und fährt philosophisch fort: «Wissen wäre besser als meinen.» Die Vortrittsregel sei im theoretischen Fahrunterricht für viele Schülerinnen und Schüler schon recht anspruchsvoll, erklärt Jung. Und in der Praxis sehe alles nochmals deutlich anders aus – «viel schwieriger».

Er rät Verkehrsteilnehmern, die sich nicht sicher fühlen, auf gar keinen Fall ein vermeintliches Vortrittsrecht «durchzustieren». Dann komme es zu Zusammenstössen, wie sie von der St. Galler Kantonspolizei 27mal bearbeitet werden mussten im Jahr 2013 (siehe Zweittext). «Lieber einmal fälschlicherweise auf das Vortrittsrecht verzichten als umgekehrt, sagt Jung. Er ist der Meinung, dass sich das Gros der Verkehrsteilnehmer auch genau so verhalte, «sonst gäbe es viel mehr Unfälle im Zusammenhang mit der Rechtsvortrittsregel». Der Abtwiler Fahrlehrer kennt noch weitere Strassen in der Region St. Gallen, die ähnlich verzwickt sind in Bezug auf den Rechtsvortritt wie die Dorfstrasse in Berg: «Die Hauptstrasse in Abtwil.» Manuela Neff von der Fahrschule Neff in Abtwil stösst ins gleiche Horn wie Christian Jung. In Berg werde die Gefahr von Zusammenstössen auf der Dorfstrasse verschärft, weil die Strasse Gefälle hat und darum zügig gefahren werde. Wie Jung fährt auch Neff mit ihren Fahrschülerinnen und -schülern extra nach Berg, um den Rechtsvortritt zu üben. Denn Neff will wissen, dass auf dieser Strasse von Experten gerne Fahrprüfungen abgenommen werden. Wie die Dorfstrasse in Berg habe auch die Hauptstrasse in Abtwil ihren Tücken, was den Rechtsvortritt betrifft – etwas andere.

Trügerischer Strassenname

Die Hauptstrasse in Abtwil heisst Hauptstrasse; sie ist aber keine. Ihr Name suggeriert jedoch, dass Verkehrsteilnehmer, die auf ihr fahren, Vortritt hätten.

Hinzu komme, sagt Fahrlehrerin Manuela Neff, dass die Hauptstrasse in Abtwil «Hauptstrassencharakter» habe; das habe mit dem Namen nichts zu tun. Die Dorfstrasse in Berg sei in dieser Beziehung ähnlich.