Wenn die Bruderliebe 90 Minuten Pause hat

Momentaufnahme

Res Lerch
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Luca (links) und Augusto Falso: zwei Brüder mit unterschiedlichen Lieblingsvereinen. (Bild: Res Lerch)

Luca (links) und Augusto Falso: zwei Brüder mit unterschiedlichen Lieblingsvereinen. (Bild: Res Lerch)

Wenn man mit Italienern über Fussball diskutieren will, ist der Zeitpunkt unter Umständen nicht gerade glücklich gewählt. Nach dem Ausscheiden in der Barrage gegen Schweden und der Nichtqualifikation für die Fussball-WM im kommenden Jahr in Russland, leckt man sich im südlichen Nachbarland immer noch die Wunden. Für viele ist das passiert, was ihnen das reale Leben bisher noch nicht geboten hat: ein grosses Fussballturnier ohne Italiens Mannschaft.

Der Fussball hat auf nationaler Ebene immer noch einen hohen Stellenwert. Die heissblütigen Tifosi und ihre Teams bewegen das Volk auch nach dem bitteren Scheitern zur Fussball-WM. Das ist bei Augusto und Luca Falso nicht anders. Allerdings mit einem Unterschied: Augusto und Luca sind Brüder und gebürtige Neapolitaner. Augusto brennt für seinen SSC Neapel. Und Luca? Der nicht. Er ist bekennender Fan von Juventus Turin. Für Neapel-Verhältnisse eigentlich ein No-Go. Am kommenden Freitag findet genau diese Partie in der italienischen Meisterschaft statt: Neapel spielt gegen Juventus Turin. Das ginge ja alles noch. Aber beide arbeiten seit rund fünf Monaten in der Pizzeria Casanova am Hafenbahnhof in Rorschach und sind miteinander bestrebt, an der Hafenmeile ein wenig italienisches Flair und Ambiente zu kreieren.

Und um das Ganze rund um den bevorstehenden Match noch etwas komplizierter zu machen: Neapel gegen Turin ist ein absolutes Spitzenspiel. Leader Neapel wird gegen das momentan drittplatzierte Juventus Turin antreten. Neapel hat 38 Punkte, Juve deren 34. Beide waren am vergangenen Sonntag siegreich. Neapel gewann in Udinese mit 0:1, Juve daheim gegen Crotone mit 3:0. Wie kann man bei so einer Ausgangslage zu zweit überhaupt im gleichen Betrieb noch funktionieren?

Vom Sieg des Lieblingsclubs überzeugt

Für Augusto ist klar, dass sein SSC Neapel am Freitag gewinnen wird. Und es kann auch nicht erstaunen, dass für Luca ebenfalls klar ist, dass seine Juve am Schluss als Sieger vom Platz geht. Die Bruderliebe wird wegen diesem Fussballspiel keinen Schaden nehmen, aber für die Spieldauer in einen familiären Standby-Modus gehen. Das letzte Spiel der beiden Clubs am 2. April dieses Jahres endete übrigens 1:1. Wer also etwas von einem temperamentvollen Meisterschaftsspiel der Serie A aus Italien live miterleben will, ist am Freitag am Hafenbahnhof sicher nicht falsch.

Beide «Flügelpositionen» werden am Freitagabend in der Pizzeria Casanova besetzt sein. Luca als Pizzaiolo wird die rechte Seite abdecken, Augusto im Service die linke. Das Mittelfeld wird durch die Gäste belegt. Der Rest passiert etwas mehr als 1000 Kilometer südwärts. Möglich ist im Fussball sowieso alles. Und ein No-Go gibt es spätestens seit dem Scheitern der Squadra Azzurra sowieso nicht mehr. Augusto und Luca haben aber versprochen, dass sie nach dem Schlusspfiff wieder richtige Brüder sind.

Auch wenn dann vielleicht die eine oder andere Szene auf dem Spielfeld noch bis tief in die Nacht hinein heissblütig ausdiskutiert wird – ein Rückspiel gibt es ja auch noch. Und selbst in der Champions League sind beide Fussballvereine noch mit intakten Chancen im Rennen.

Res Lerch

redaktionot@tagblatt.ch