Wenn der Schüler seine Familie ernähren soll

Es war ein Schweizer Rekord der bedrückenden Art: Gemäss einer Erhebung von Anfang 1918 bezogen in der damals noch selbständigen, rund 19 000 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Gemeinde Tablat nicht weniger als 7850 Personen Lebensmittel zu reduzierten Preisen.

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Die Verteilung der Schulsuppe im Winter 1915/1916 in Katholisch-Tablat. Rechts vermutlich Lehrer, links wird abgewaschen.

Die Verteilung der Schulsuppe im Winter 1915/1916 in Katholisch-Tablat. Rechts vermutlich Lehrer, links wird abgewaschen.

Es war ein Schweizer Rekord der bedrückenden Art: Gemäss einer Erhebung von Anfang 1918 bezogen in der damals noch selbständigen, rund 19 000 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Gemeinde Tablat nicht weniger als 7850 Personen Lebensmittel zu reduzierten Preisen. Das waren gut 40 Prozent der Bevölkerung – der landesweit höchste Wert. Entsprechend gefordert waren die Behörden der ihrerseits als arm geltenden Gemeinde. Und mit entsprechend grossen Problemen sahen sich die Tablater Schulen konfrontiert. Vor allem galt das für die katholische Schulgemeinde, die wegen der grossen Zahl italienischsprachiger Kinder besondere Lasten zu tragen, aber mit relativ bescheidenen Erträgen aus der Schulsteuer auszukommen hatte. Ein Blick in die Sitzungsprotokolle des Schulrates von Katholisch-Tablat macht die Schwierigkeiten sichtbar.

215 Italiener-Kinder weniger

Auswirkungen hatte der Krieg zunächst auf die Schulorganisation. Jede Aktivdienst-Periode der Ostschweizer 6. Division riss Lücken ins Lehrerkollegium. Um sie zu schliessen, wurden Klassen zusammengelegt und Aushilfen engagiert. Eine gewisse Entspannung bedeutete es umgekehrt, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler parallel zur allgemeinen Bevölkerungsentwicklung sank. Allein wegen der überstürzten Abreise vieler Italiener im August 1914 waren in den Regelklassen rund 60 und in den speziellen Italiener-Klassen 155 Kinder weniger zu unterrichten als bei Schuljahresbeginn im Frühjahr. Weniger Familien hiess allerdings auch weniger Steuerzahler. 1916 musste deshalb die Schulsteuer erhöht werden.

Wärmestuben und Schulsuppe

Kurz darauf begann ein anderes Problem immer drängender zu werden: die Gas- und Kohlenknappheit, die 1917 erst zu Einschränkungen beim Badebetrieb im Schulhaus Buchental, dann zur generellen Einstellung des Turn- und Samstagsunterrichts sowie zur Verlängerung der Winterferien 1917/18 zwang. Ein Vergleich der Kohlenvorräte im Januar 1918 zeigte, dass diese in den Schulhäusern St. Fiden und Heimat gerade noch für zwei bis drei Tage, im Hebel- und im Neudorf-Schulhaus für zwei Wochen, im Buchental immerhin für einen Monat reichten.

Gleichwohl begann die Schulgemeinde etwa zur selben Zeit, in einzelnen Schulhäusern spezielle Wärmestuben für die Kinder zu betreiben. Schon seit Kriegsbeginn schliesslich wurde während der Wintermonate im Buchental und in St. Georgen jeweils an insgesamt bis zu 300 bedürftige Schülerinnen und Schüler täglich gratis oder gegen bescheidenes Entgelt Schulsuppe abgegeben.

Ehemann und Vater besuchen

Zu schaffen machten dem Schulrat von Katholisch-Tablat auch andere Folgen des Krieges. Etwa ab 1916 häuften sich die Dispensationsgesuche, weil Mütter mit ihren Kindern den im Ausland Dienst leistenden Ehemann und Vater während dessen Urlaubs besuchen wollten. Den Gesuchen wurde praktisch immer entsprochen.

Reserviert verhielt sich der Rat dagegen bei Gesuchen um vorzeitigen Schulaustritt, damit ein Kind etwas Geld verdienen und so die Familie ernähren helfen konnte. Zwar wurden auch solche Begehren in begründeten Fällen gutgeheissen. Zumeist jedoch sagten der Schulrat und/oder das kantonale Erziehungsdepartement Nein dazu.

«Ärmliche Verhältnisse»

Ein Beispiel veranschaulicht die behördliche Argumentation und das Ausmass der Not. Am 18. September 1916 behandelte der Schulrat ein Gesuch von Frau D., die ihren Sohn Hans vorzeitig aus der Schule nehmen wollte. Das Protokoll vermerkt: «Die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater ist im Krieg. Der in Frage kommende Knabe war am 21. Juli d. J. 14 Jahre alt. Die Mutter, welche noch 2 Mädchen, wovon eines die zweite Klasse besucht, das andere 1/4 Jahr alt ist, zu ernähren hat, verdient den allerdings kärglichen Unterhalt durch Nachsticken. An Kriegsunterstützung erhält sie für sich & ihre Familie pro Tag Frs. 3.60. Der Knabe Johann stand in Arbeit bei Herrn Eichmüller, Buchbinderei, St. Gallen, & könnte wieder dort eintreten, wo ihm ein Wochenlohn von Frs. 13.– in Aussicht gestellt ist. Es ist zu bemerken, dass wenn der Knabe einem Verdienst nachgehen kann, die Kriegsunterstützung für ihn mit Frs. 1.20 pro Tag in Wegfall kommt.» Die Differenz zwischen Verdienst und Kriegsunterstützung sei also sehr klein, befand der Schulrat. Deshalb könne der vorzeitigen Schulentlassung des Knaben Hans D. «der Konsequenzen wegen nicht entsprochen werden». (stb.)