Wenig Anreize gegen Blechlawine

JONSCHWIL. Am Sonisphere Festival in Jonschwil werden 45'000 Besucher erwartet – 80 Prozent von ihnen werden mit dem Auto anreisen. Wie bewältigt das Dorf diese Blechlawine? Der VCS St.Gallen übt bereits Kritik am Verkehrskonzept.

Urs-Peter Zwingli
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Festival auf der grünen Wiese: Das 3500-Seelendorf Jonschwil wurde beim Metallica-Konzert vor zwei Jahren von Musikfans belagert – die meisten reisten mit dem Auto an. (Bild: pd)

Festival auf der grünen Wiese: Das 3500-Seelendorf Jonschwil wurde beim Metallica-Konzert vor zwei Jahren von Musikfans belagert – die meisten reisten mit dem Auto an. (Bild: pd)

Es sind beeindruckende Zahlen, die die Veranstalter des Jonschwiler Sonisphere Festivals vergangene Woche den Medien präsentierten: 45'000 Fans werden vom Donnerstag, 17. Juni, bis Samstag, 19. Juni, nach Jonschwil ans Heavy-Metal/Hardcore-Festival pilgern – also mehr als das zehnfache der Einwohnerzahl von Jonschwil, dem 3500-Seelen-Dorf im Untertoggenburg.

Dank der international bekannten Bands, die auftreten, hat das Sonisphere Festival zudem weitherum Anziehungskraft: «Wir schätzen, dass 15 000 Besucher aus dem Ausland anreisen werden», sagt Stefan Frei, Gemeindepräsident von Jonschwil.

Stau gibt es, aber…

Soweit die Zahlen – doch wie wollen die Veranstalter Free&Virgin und die Gemeinde Jonschwil verhindern, dass es zu stundenlangen Staus auf den Strassen kommt, die schlicht nicht für einen Verkehr dieses Ausmasses gebaut sind? «Ganz ohne Staus geht es wohl nicht», gibt Frei zu.

Das vom Veranstalter erarbeitete Verkehrskonzept, an dem die öV-Betriebe und die Kantonspolizei mitgearbeitet haben, soll aber «die Verteilung gewährleisten». Tatsächlich können die Besucher bereits am Donnerstagabend zum Festival anreisen und bis Samstagabend auf dem Zeltplatz bleiben – den Grossandrang erwartet Frei am Freitag. Für diesen Tag warnt auch die offizielle Sonisphere-Website vor «grossen Staus und Wartezeiten».

Szenen wie nach dem Metallica-Konzert vor zwei Jahren, das am Sonntagabend zu Ende ging und darauf einen Massenabgang der Besucher mit bis zu drei Stunden Stau nach sich zog, soll es aber nicht mehr geben. Für die Autos der Besucher stehen rund um das 18 Hektaren grosse Konzertareal Degenaupark 30 Hektaren Parkplätze zur Verfügung. Wer parkt, zahlt 20 Franken Gebühr, was laut Frei ein Anreiz sei, mit öffentlichen Verkehrsmitteln (öV) anzureisen.

«Planung nicht optimal»

Wer sich also für den öV entscheidet, wird von Wil aus mit Thurbo-Extrazügen nach Schwarzenbach gebracht. Von dort sind es laut der offiziellen Sonisphere-Website etwa 20 Minuten zu Fuss zum Konzertgelände – «eine nicht optimale Planung», wie Robert Furrer, Geschäftsleiter der Sektion St. Gallen-Appenzell des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) auf Anfrage sagt.

Um mehr Besucher dazu anzuregen, mit dem öV anzureisen, brauche es ein attraktives Angebot, «einen Shuttle-Service, der die Besucher fast bis zum Gelände bringt». Wenn man sein Zelt und die Getränke 20 Minuten lang schleppen müsse, würden deswegen viele Besucher lieber das Auto nehmen – die vier Parkplätze liegen laut Frei «300 Meter bis einen Kilometer vom Gelände entfernt».

Auch die 20 Franken Parkgebühr bewertet Furrer als «viel zu günstig». Hinzu kommt, dass es mit dem Festivalpass keine Zugticketvergünstigungen gibt. «Das hatten wir letztes Jahr im Angebot, dieses Jahr haben wir vom SBB-Reiseveranstalter RailAway aber eine Absage bekommen», sagt der Kirchberger Wirt Linus Thalmann, der das Festival mitorganisiert. Grund: Der Aufwand lohne sich für das SBB-Reisebüro nicht, die Kosten seien zu hoch.

Abgesehen von der Parkgebühr von 20 Franken gibt es laut Thalmann keine weiteren Massnahmen, damit mehr Leute das Auto zu Hause lassen – abgesehen von einer Empfehlung auf der Sonisphere-Website.

Die Jonschwiler sind gelassen

Der VCS kritisiert auch, dass die Anreise der Besucher über einen möglichst grossen Zeitraum von den Veranstaltern als Lösung präsentiert wird.

«Damit wird der motorisierte Individualverkehr nur verteilt, die grosse Summe bleibt aber gleich», so Furrer.

Die Jonschwiler nehmen den Ansturm auf ihr Dorf laut ihrem Gemeindepräsidenten derweil gelassen. «Man hat sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt», sagt Frei, «viele sind sogar ein bisschen stolz, dass bei uns so etwas läuft». Da das Konzertgelände, eine riesige Wiese, am Dorfrand liegt, seien zudem nur 20 bis 30 Häuser «mehr oder weniger direkt» betroffen.