Weiterer Sonderfall Rorschach

Andere Städte beklagen das Aussterben des Zentrums und versuchen, es wieder zu beleben. In Rorschach hingegen reduziert der Stadtrat Musikanlässe in der Innenstadt.

Fritz Bichsel
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Am Samstagnachmittag ist die Rorschacher Innenstadt noch belebt, auch in der Sportferienwoche. (Bild: Fritz Bichsel)

Am Samstagnachmittag ist die Rorschacher Innenstadt noch belebt, auch in der Sportferienwoche. (Bild: Fritz Bichsel)

Fritz Bichsel

redaktionot@tagblatt.ch

Am Donnerstagabend sind wenige Leute im Rorschacher Zentrum unterwegs gegen und nach Ladenschluss. In Restaurants und Imbisslokalen liessen sich die Gäste einzeln zählen, in einigen sogar an einer Hand. Etwas mehr los ist am Freitag mit Abendverkauf. Diesen bieten allerdings nur noch die Mehrheit der Grossen und einige Fach­geschäfte in ihrer Nähe, alle nur noch bis 20 Uhr. Bei Grossverteilern genügt in dieser Zusatzstunde je eine offene Kasse. In Modegeschäften hat es zu dieser Zeit gelegentlich mehr Verkäuferinnen als Kunden. In Restaurants gehen nicht markant mehr Gäste, aber es gibt Ausnahmen: Mehr läuft in Pizzerias, und gut besetzt ist das Fondue-Beizli beim Eisfeld im Seepark. Hier spiegeln sich Besonderheiten von Rorschach: Unterschiedlichste Organisatoren sorgen mit Anlässen für Leben im Zentrum und am Seeufer, auch im Winterhalbjahr. Und die Innenstadt liegt so nahe beim See, dass viele Besucher beides geniessen.

Am Samstagnachmittag ist das Rorschacher Zentrum deutlich belebter. Geschäfte sind weit besser frequentiert. Und es zeigt sich, dass die Leute nicht allein Einkaufsmöglichkeiten nutzen. Auf Plätzen und in Gassen bilden sich stetig Gruppen von Bekannten für einen Schwatz oder für gemeinsames Weitergehen. Am See genügen einige Sonnenstrahlen für reges Flanieren auch an diesem Februartag. Dazwischen läuft etwas immer intensiv: Verkehr auf der Hauptstrasse.

Freiwillige und Gewerbe beleben die Innenstadt

In die Innenstadt wird allerdings nur der kleinere Teil der Fahrzeuge gelenkt. Das Projekt, den anderen Verkehr um den Stadtkern zu leiten durch einen Tunnel, lässt sich wegen der Kosten auf absehbare Zeit nicht verwirklichen. Dasselbe gilt für die Idee, die Bahnlinie, welche die Stadt am Seeufer trennt, wegzubringen. Nun will der Stadtrat wenigstens die Hauptstrasse attraktiver gestalten, was jedoch durch eine Einsprache blockiert ist. Denn es bleibt das Ziel, Rorschach allgemein und das Zentrum speziell mehr zu öffnen zum nahen See und dort den Hafenplatz und das Kornhaus besser zu nutzen. Hier hat Rorschach noch Potenzial. In keiner anderen Schweizer Bodenseestadt liegt das Zentrum so nahe am See. So war es hier möglich, das zur Belebung der Innenstadt aufgebaute Stadtfest an den Hafen zu verlegen.

Dieses Fest ist eines der Beispiele für Engagement von Freiwilligen, die dem öffentlichen ­Leben überdurchschnittlich Impulse verleihen – mit starker Unterstützung durch Gewerbebetriebe. Am See Eisbahn, Kulturanlässe im Seepark-Pavillon und im Kornhaus oder Sandskulpturen, in der Stadt Klauseinzug, Adventsabende, «Musig uf de Gass» oder Jazzfestival sind weitere Beispiele für solchen Einsatz. Hinzu kommen von Gewerbe, Unternehmen oder Gemeinden lancierte Anlässe wie Bummelsonntag, Schneeskulpturen, Beachvolley oder Feuerwerk.

An diesen Tagen lief in Rorschach wegen der Sportferienwoche weniger als im Winterhalbjahr üblich und deutlich weniger als an Sommertagen. Derzeit beschäftigt Stadtregierung und Bevölkerung die Frage, ob es im Sommer auch zu viel sein kann – mindestens für Anwohner –, wie mit drei Konzerten im Freien an Wochenenden. Noch wenig wird diskutiert, was hier grundsätzlich auf dem Spiel steht: all das Engagement und Belebende, das die Gefahr verringert, dass die Innenstadt ausstirbt wegen Verlagerung des Einkaufens in grosse Zentren, ins nahe Ausland oder ins Internet, den Wegzug junger Leute in Orte mit mehr Angeboten für den Ausgang oder den Rückzug ganzer Bevölkerungsschichten ins Private.

Mit Anlässen und Anlagen

Altstadtleist In Burgdorf engagiert sich ein Altstadtleist gegen das Lädelisterben und den Verlust des öffentlichen Lebens im Zen­trum. («Leist» ist ein Berner Ausdruck für Freundeskreis.) Die Stadt am Eingang zum Emmental hat gleich viele Einwohner wie Rorschach und Rorschacherberg zusammen und erlebt einen noch stärkeren Schwund des Geschäftslebens in der Innenstadt. Der Leist setzt besonders auf Anlässe sowie schönere Gestaltung von Plätzen, Gassen oder Spiel­anlagen. Die Vereinigung koordiniert, was in Rorschach Vereine, weitere engagierte Einwohner, Gewerbe und Stadt einzeln angehen: die Belebung der Innenstadt.

Burgdorf hat eine weitere Aufgabe mit Rorschach gemeinsam: die Nutzung des nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck dienenden Kornhauses. Für das aussen sehr ähnliche Gebäude sind die Stadt und auch der 2007 gegründete Altstadtleist auf der Suche nach einer Verwendung, nachdem das Museum für Schweizer Volkskultur wegen Geldmangels aufgegeben wurde. Ähnlich wie in Rorschach, sorgen Kunstsammlung und Kulturanlässe für Betrieb, bis eine dauerhafte Lösung gefunden wird.

Phasen mit Hochbetrieb, wie in Rorschach im Sommer aufgrund der Nähe zum See, gibt es in Burgdorf kaum. Trotzdem erlebt der Leist auch dort Einwände von Anwohnern gegen mehr Anlässe. Im Gespräch mit der «Berner Zeitung» sagt der abtretende erste Präsident Franceso Rappa: «Wir nehmen die Interessen von Bewohnern und Gewerbebetreibern – welche teilweise diametral auseinanderdriften – wahr und suchen immer nach konstruktiven Lösungen.» (fbi)