Weissen zieht nach 102 Jahren weg

In Rorschach ist das 1914 gegründete Schmuck- und Uhrenfachgeschäft Weissen nun Geschichte. Christoph Weissen macht aber noch weiter: Mit einem auch für Verkauf geeigneten Atelier in Staad. Trotzdem wird die Familientradition in absehbarer Zeit enden.

Fritz Bichsel
Drucken
Teilen
Letztes Lichterlöschen in Rorschach bei der von drei Generationen der Familie Weissen geführten Bijouterie. (Bild: Fritz Bichsel)

Letztes Lichterlöschen in Rorschach bei der von drei Generationen der Familie Weissen geführten Bijouterie. (Bild: Fritz Bichsel)

RORSCHACH. Bis zur letzten Stunde kommen laufend Kunden ins Geschäft an der Hauptstrasse. Auch vor Weihnachten seien es wieder einmal ähnlich viele gewesen wie früher, berichtet Inhaber Christoph Weissen. Hohe Frequenz ergab sich aber wegen tiefer Preise. Bis 50 Prozent Rabatt gewährte die Bijouterie, um das Sortiment zu verringern vor dem Umzug in kleinere Räume.

Eigene Räume verloren

2014 konnte Weissen das 100-Jahr-Jubiläum begehen. Bereits damals rechnete der Inhaber damit, dass nicht allein für die Familientradition nach drei Generationen, sondern auch für das Geschäft das Ende kommt, wenn er in Pension geht. Das war in einigen Jahren vorgesehen.

Dann ging es noch schneller. Zur Finanzierung der Pflege der betagten Mutter verkaufte die Schutzbehörde KES die Liegenschaft der Familie Weissen in Rorschach mit Verkaufsräumen, Schmuckatelier, Uhrmacherwerkstatt und Wohnungen. Christoph Weissen wollte nicht sozusagen bei sich selber Mieter werden und kündigte im bisher eigenen Haus. Statt wie beabsichtigt in Rorschach kleinere Räume für eine Bijouterie umzubauen, zieht er nun auf Empfehlung seines Fachmanns für Innenausbau zu diesem: In Räume bei der Schreinerei Gähler in Staad, die sich ohne Umbau als Schmuckatelier und Uhrmacherwerkstatt einrichten lassen.

Starker Wandel in der Branche

Die Lehrtochter kann nach Appenzell wechseln. Dort hatte Christoph Weissen ein weiteres Geschäft. Dieses verkaufte er mit der Pensionierung der langjährigen Leiterin 2015 an eine andere Bijouterie. Wofür die Räume in Rorschach neu genutzt werden, ist bei der Käuferin, der Bau- und Immobilienunternehmung Enac GmbH in St. Gallen, noch offen. Er arbeite nun «wie mein Grossvater beim Start in Rorschach vor 102 Jahren: allein in einer Werkstatt», sagt Christoph Weissen. Er führte zuletzt alle Bereiche, in denen dazwischen bis zu vier Mitglieder der Familie tätig waren. Für den Rückgang nennt er viele Gründe: Qualitätsuhren und -schmuck seien weniger gefragt. Marken bevorzugten Standorte in Grossstädten. Rorschach habe zu viele Bijouterien und den Mittelstand als Käuferschicht verloren. Angebote im Internet seien weitere Konkurrenz. «Uns blieb oft nur noch Service und Reparatur.»

Neu ein Atelier in Staad

An der gleichen Strasse, aber 3,5 Kilometer oder fünf Autominuten weiter östlich, wird er in einigen Tagen an der Hauptstrasse 47 in Staad «S'Atelier by Weissen» mit Parkplätzen vor dem Haus eröffnen. Kunden hätten entsetzt über das Ende in Rorschach und erleichtert über die Weiterführung reagiert, berichtet Christoph Weissen. Falls sie ihm die Treue halten, will er in Staad noch weiter wirken, wenn er in eineinhalb Jahren das Pensionsalter erreicht.

Aktuelle Nachrichten