Weissbrot gibt es nur für Kranke

Die Kämpfe des Ersten Weltkrieges geschehen zwar weitab von der Region Rorschach. Doch die Bevölkerung muss Einschränkungen in Kauf nehmen. Das betrifft sowohl die Lebensmittel als auch das Vergnügen.

Peter Beerli
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Bild: PETER BEERLI

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RORSCHACH. Momentan ist die ganze Welt durch den Fussball verbunden. Milliarden werden dafür ausgegeben, und die meisten Menschen bringen auch bei uns Verständnis auf, wenn die Nächte der Spiele wegen etwas länger und lauter werden. Vor hundert Jahren aber muss die Bevölkerung auch der Region Rorschach relativ plötzlich umdenken: Der Krieg ennet der Grenzen führt auch hier zu Einschränkungen, und mit solchen muss man während vier Jahren immer wieder leben.

Kartoffeln verwenden!

Gleich in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch orientiert der Regierungsrat über die Lebensmittelversorgung: «Die Situation scheint noch befriedigend. Die Obst- und die Kartoffelernte werden reichlich ausfallen. Neben dem Obst sind es namentlich die Kartoffeln, die am besten die Getreide-Nahrung ersetzen können, weshalb deren ausgiebige Verwendung empfohlen wird.» So schrieb der Regierungsrat. Allerdings schienen die Kartoffeln nicht für alle ein andauerndes Heilmittel zu sein. So meldet der Gemeinderat Goldach im März 1918: «Da bis Mitte Februar dreihundert Familien hier nur ungenügend mit Kartoffeln versehen waren, während 61 Familien gar keine solchen mehr hatten, wurden je fünfhundert Teigwaren- und Reis-Karten nachbestellt, um solche an genannte Familien verteilen zu können.»

Dazu empfehlen die Behörden: «Die Bevölkerung soll sich in jeder Beziehung möglichst einschränken und diejenigen Bedarfsartikel, die nicht in genügender Weise im Lande selbst produziert werden können, nur noch in sehr sparsamer Weise konsumieren. Die Lebensmittelgeschäfte sind gehalten, Weizen, Mais, Hafer, Reis, Gerste und Teigwaren nur noch kiloweise an die Konsumenten abzugeben.»

Weissbrot nur bei Verordnung

Bauvorstand Keller äusserte im grossen Gemeinderat von Rorschach Bedenken hinsichtlich der ihm nicht sehr erfreulich scheinenden Brot-Frage. Er hatte recht, denn schon bald wurde durch den europäischen Kriegszustand die Getreideeinfuhr nahezu gänzlich abgeschnitten. Die Mühlenindustrie wurde gezwungen, aus Bundes-Weizen Voll-Mehl zu produzieren. Weissmehl kommt nur noch in ganz geringem Prozentsatz in den Handel, so dass Weissbrot nur in Ausnahmefällen bei ärztlichen Verordnungen herzustellen ist. Die Rorschacher Bäckermeister informieren: «Die Eigenschaft des Voll-Mehls setzt uns in die Lage, wenn auch ein dunkleres, so doch ein sehr schmackhaftes Hausbrot in den Handel zu bringen. Dabei empfiehlt es sich aber für das kaufende Publikum, sich möglichst kleiner Brote zu bedienen, weil es in diesen Verhältnissen eher möglich ist, gute bekömmliche Brote herzustellen als in den bisher üblichen Fünf-Pfund-Broten.»

Später kam für die Bäcker ein weiteres Problem dazu. Die Preise sämtlicher Rohmaterialien verteuerten sich, und auch das Packmaterial wurde sehr teuer oder war fast gar nicht mehr erhältlich. Der Bäckermeister-Verein Rorschach und Umgebung liess deshalb ein Inserat erscheinen: «Wir bitten unsere verehrte Kundschaft inskünftig beim Abholen von Brot Körbe und Netze mitzubringen.»

Milch im Überfluss

Die Mobilmachung auch im eigenen Land führt dazu, dass die zuständigen Stellen einen Überfluss befürchten: «Milch gibt es zur Zeit eine solche Menge, dass ein grosser Preissturz eingetroffen ist. Der Mangel an Käser-Personal lässt befürchten, dass die Milch nicht überall mehr verwendet werden kann. Drum halte man sich in dieser schweren Zeit an die billige Milch, man ernährt sich gut und hilft damit den Landwirten.» Allerdings wird 1918 eine Milchpreiserhöhung hitzige Diskussionen auslösen.

See statt Badewanne

Auch Gas war zu sparen. Dazu gab eine Leserin Ratschläge: Man koche zum Frühstück die ganze Milch und bereite den Kaffee für den ganzen Tag auf einmal. Bei der jetzigen grossen Hitze ist letzterer kalt oder leicht erwärmt sehr angenehm. – Man versäume nicht, auf jeden Topf, der längere Zeit auf dem Feuer stehen muss, ein Gefäss, Pfanne oder Aufsatz, mit Wasser zu stellen, das durch den ausströmenden Dampf schnell heiss wird und das zusätzliches Kochen von Wasser erspart. – Man gewöhne sich daran, nur soviel Wasser aufs Feuer zu setzen als man braucht, keine Speisen länger als nötig zu kochen oder heisser als nötig werden zu lassen, Gas-Bügeleisen nur in dringenden Fällen zu gebrauchen, statt überflüssig warmer kühlere Bäder zu nehmen und diese überhaupt möglichst durch See- oder Flussbäder zu ersetzen.

Preise sind hoch, aber...

Nachdenkende Menschen, zeigen sich damals dennoch dankbar: «Es ist wahr, der ringsum tobende Krieg hat auch uns schwere Zeiten gebracht und die Lasten sind für manchen drückend geworden, namentlich der mit Kindern gesegnete Familienvater weiss bei den teuren Lebensmittelpreisen fast nicht mehr, wie er die hungrigen Mäuler alle stopfen soll. Unsere teuren Lebensmittelpreise! Wir bezahlen heute für das Pfund Ochsenfleisch Fr. 1.40, für Schweinefleisch Fr 1.60, für Stock-Butter Fr. 1.80, für Brot 24 Rappen, für den Zentner Kartoffeln Fr. 6.50, und für Äpfel und Birnen sechs bis zehn Franken. Das ist wahrhaftig genug und die Zeiten sind heute mehr als sonst vorbei, wo jeder Mann jeden Sonntag sein Huhn im Topf haben konnte. Wir haben aber trotz alledem Grund, zufrieden und dem Bundesrate und den Behörden dankbar zu sein, dass sie beizeiten zum Rechten gesehen und einer skrupellosen Spekulation den Riegel gesteckt haben.»

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