Weiss-rot-grüne Solidarität

Zur Linderung der Not arbeitete die Stadt St. Gallen während des Ersten Weltkriegs eng mit Nachbargemeinden und privaten Organisationen zusammen. Bedürftige erhielten unter anderem Bezugsscheine für verbilligte Lebensmittel in je «gemeindeeigenen» Farben.

Peter Stahlberger
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Im «alten Bürgli» zuunterst im Stadtpark fanden 1914/1915 zahlreiche aufgrund der Stickereikrise arbeitslose Frauen Beschäftigung. (Bilder: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Im «alten Bürgli» zuunterst im Stadtpark fanden 1914/1915 zahlreiche aufgrund der Stickereikrise arbeitslose Frauen Beschäftigung. (Bilder: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Auch Heinrich Adank dürfte vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anfang August 1914 überrascht worden sein. Doch den damals 32-Jährigen, der seit 1911 Armensekretär – also Chef des Sozialamtes – der Stadt St. Gallen war, traf die neue Lage zumindest nicht ganz unvorbereitet. Gezielt hatte er darauf hingearbeitet, die städtische Armenfürsorge auf eine breitere Basis zu stellen. Das hiess einerseits Kontaktpflege und Kooperation mit möglichst vielen Hilfsorganisationen – vom Evangelischen weiblichen Krankenverein über den Vinzentiusverein der Dompfarrei bis hin zum Christkatholischen Frauenverein, von der Hülfsgesellschaft der Stadt St. Gallen über den Deutschen Hilfsverein bis hin zur Freimaurerloge Konkordia.

Neun Quartierkommissionen

Basisverbreiterung bedeutete anderseits aber auch, dass schon ab 1912 und 1913 sowohl die zuständigen Amtsstellen als auch die verschiedenen Hilfsvereine der Nachbargemeinden Tablat im Osten und Straubenzell im Westen ans städtische Fürsorgenetz angebunden wurden. «Zentralisation der Armenpflege», nannte Adank das ganze System zwar. Doch eigentlich war es eher das Gegenteil: gelebter Föderalismus auf engem Raum.

Bei Kriegsausbruch konnte Adank auf dieses feinmaschige Netz zurückgreifen, ja es noch enger knüpfen. Innert kürzester Zeit entstanden eine gemeindeübergreifende zentrale Notstandskommission und insgesamt neun Quartierkommissionen: vier in der Stadt (Altstadt, Linsebühl, Nordost, St. Leonhard), drei in Tablat (St. Fiden, St. Georgen, Langgasse) und zwei in Straubenzell (Lachen-Vonwil, Bruggen-Winkeln). Diesen Quartierkommissionen kam eine Schlüsselrolle zu. An ihre Mitglieder – ein Vorsitzender, mindestens zehn weitere Personen – hatten sich Bedürftige, die in eine direkt durch den Krieg verursachte Notlage geraten und im betreffenden Gebiet wohnhaft waren, mit ihren Unterstützungsgesuchen zu wenden. Umgekehrt kannten die in den Kommissionen besonders gut vertretenen Pfarrer, Schulräte und Delegierten von Frauen-, von Arbeiterorganisationen die Gesuchsteller meist persönlich. Letztere erhielten ausserdem eine Art Götti oder Gotte zugeteilt. All dies erhöhte die Chance auf individuell angemessene Hilfe ebenso, wie es die Gefahr des Missbrauchs verringerte.

Aus der Sicht von Adank und seiner politischen Vorgesetzten bewährte sich dieses System vorzüglich. Es fand auch, wie der Armensekretär gerne betonte, über St. Gallen hinaus Beachtung. Doch zugleich hatte es seinen Preis: Adank lud sich mit den zahlreichen Klientengesprächen, Augenscheinen, Sitzungen und verschiedenen Formen der Öffentlichkeitsarbeit ein so gewaltiges Pensum auf, dass er schon nach einem Jahr bei einem Überzeitkonto von gegen 500 Arbeitsstunden angelangt war; der Stadtrat gewährte ihm dafür Mitte September 1915 eine Gratifikation von 300 Franken.

Hilfsbedürftige wiederum konnten die enge Begleitung als eine Art sanfter Bevormundung empfinden. Darauf wiesen zum Beispiel die Arbeiter-Union und die sozialdemokratische Gemeinderatsfraktion in einem Schreiben an den Stadtrat hin. Die Notstandshilfe möge «noch so gut gemeint sein, für den grossen Teil der Unterstützten hat sie eben doch etwas Bedrückendes, Erniedrigendes an sich, und für den kleinern Teil wirkt sie demoralisierend», hiess es in der vom 12. August 1915 datierten Eingabe. Viel besser wäre es, wenn die Behörden stattdessen mehr Arbeitsmöglichkeiten schaffen und direkt in den Lebensmittelmarkt eingreifen würden.

Diesem Ansatz verschloss sich der Stadtrat nicht grundsätzlich. Nur habe er eben «schon längst alle Massnahmen ergriffen (...), welche zur Zeit möglich sind und Erfolg versprechen», hielt er an seiner Sitzung vom 17. August 1914 fest. Tatsächlich förderte die Stadt die Hoch- und Tiefbautätigkeit auf eigenem Boden wie auch in den Nachbargemeinden nach Kräften: durch das Vorantreiben des Projekts Amtshaus/Gerichtsgebäude an der Neugasse etwa (Ausgabe vom 28. Juni), durch Auftragsvergaben für eine neue Desinfektionsanstalt auf dem Wiedacker, durch die Korrektion der St. Georgen-Strasse, die Verbesserung des Tramnetzes, die Anpassung des Bahnhofplatzes an die neuen SBB- und Postbauten sowie schliesslich durch die Mitfinanzierung von Notstandsarbeiten im Raum Gerhalden-Hompeli auf Tablater Gemeindegebiet.

Bons für einen Drittel der Stadt

Eine wichtige Aufgabe sah die Stadt zudem in der Förderung privater Initiativen. So leistete sie zum Beispiel einen Beitrag an den Lohn und die Verpflegung der zeitweise fast 50 Frauen, die durch die Krise der Stickereiindustrie arbeitslos geworden waren und 1914/15 dank der Zentralen Frauenhilfe in der alten Villa Bürgli unten an der Museumstrasse als Näherinnen und Wäscherinnen, Strickerinnen und Flickerinnen Beschäftigung fanden.

Bei den Direktunterstützungen stand die Verbilligung von Lebensmitteln, Brennstoffen und Mietzinsen im Vordergrund. Hatten die Leistungen für solche Zwecke im zweiten Halbjahr 1914 noch einen Geldwert von gut 50 000 Franken erreicht, so stiegen sie in den Folgejahren – mit Ausnahme des Jahres 1916, als es der Stickereibranche vorübergehend etwas besser ging – kontinuierlich auf rund 350 000 Franken 1918 und gar auf über 450 000 Franken 1919 an. Zuletzt, im Januar 1919, waren nicht weniger als 24 000 Personen oder gut ein Drittel der Stadtbevölkerung zum Bezug vergünstigter Lebensmittel berechtigt. Das Geld dafür erhielten sie in der Regel jedoch nicht in bar, sondern in Form von Gutscheinen: weissen für St. Gallen, roten für Tablat und grünen für Straubenzell. Grundsätzlich nicht oder nicht in vollem Umfang zulasten der drei Gemeinden ging die Notunterstützung der Angehörigen von Wehrmännern. Waren die Männer Schweizer, so finanzierten der Bund und der Kanton die Nothilfe an die Familien. Waren die Männer Ausländer, so hatten deren Heimatstaaten für die Unterstützung geradezustehen.

«Im Herzen muss es stehen»

Welche Einzelschicksale sich hinter diesen nüchternen Zahlen verbergen, lässt sich nur erahnen. Sowohl die detaillierten Auskunftsbogen der Gesuchsteller als auch die Karteikarten mit Angaben zu den bezogenen Leistungen scheinen sich nicht erhalten zu haben. Für Armensekretär Heinrich Adank wäre der Verlust dieser Unterlagen aber vermutlich kein Problem gewesen. Seine Devise, war in einem Nachruf auf den 1953 Verstorbenen zu lesen, habe nämlich gelautet: «Im Herzen muss es stehen und nicht im Protokoll.»

Heinrich Adank Armensekretär/Chef Fürsorgeamt Stadt St. Gallen 1911 bis 1939 (Bild: Gallusstadt 1955)

Heinrich Adank Armensekretär/Chef Fürsorgeamt Stadt St. Gallen 1911 bis 1939 (Bild: Gallusstadt 1955)

Bild: PETER STAHLBERGER

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