Weihnachten, das Fest der Diebe

Es ist ein tristes Bild, das eine Tagblatt-Leserin im Wald angetroffen hat: Die Überreste eines jungen Tännchens, das ein Baumfrevler ein gutes Stück über dem Boden abgeschnitten hat. Mitgenommen hat er, wohl als Christbaum, nur die Spitze.

Johannes Wey
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Eine Mahntafel für das gestohlene Bäumchen: Sogar das Engelchen scheint traurig zu blicken. (Bild: Leserbild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Eine Mahntafel für das gestohlene Bäumchen: Sogar das Engelchen scheint traurig zu blicken. (Bild: Leserbild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Es ist ein tristes Bild, das eine Tagblatt-Leserin im Wald angetroffen hat: Die Überreste eines jungen Tännchens, das ein Baumfrevler ein gutes Stück über dem Boden abgeschnitten hat. Mitgenommen hat er, wohl als Christbaum, nur die Spitze. Am Stumpf und den verkümmerten Ästen in Bodennähe hatte er kein Interesse. Und der Diebstahl war offenbar nicht der erste: «Alle Jahre wieder», schreibt der Waldbesitzer auf einer Mahntafel, verbunden mit der Frage: «Wie kann man nur unter einem gestohlenen Tannenbaum Weihnachten feiern?» Selbst die Engelsfigur, die auf den Stumpf blickt, macht einen traurigen Eindruck.

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Dass Weihnachten nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch der Diebe ist, verwundert schon lange nicht mehr. In Studien werden etwa die astronomischen Summen vorgerechnet, die adventliche Ladendiebstähle an Schaden verursachen. Auch die Ursachen werden untersucht: Gestohlen wird oft nicht für das eigene Fest, sondern für den Weiterverkauf. Der Advent eignet sich des Gedränges und der Berge exklusiver Waren wegen. Ob das Tännchen aber wirklich für den Weiterverkauf geköpft wurde, darf in Frage gestellt werden.

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Denn die Weihnachtszeit setzt auch viele Menschen unter Druck. Auch bei kleinem Portemonnaie will man der Familie etwas bieten, es müssen Geschenke her, ein Festtagsschmaus und natürlich die passende Dekoration. Schon ein kleiner Adventskranz kostet zig Franken.

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Ein Gedanke, dank dem sich die Empörung etwas besänftigen lässt. Vielleicht hat der gestohlene Baum wenigstens einige Augen zum Leuchten gebracht. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass das Tännchen im Kofferraum eines klapprigen Kombis und nicht in einem teuren Geländewagen gelandet ist.

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