WECHSEL: Zollers Neuanfang

Quarten ist Erich Zoller nicht fremd – jedenfalls nicht ganz. Anfang Jahr übernimmt er das dortige Gemeindepräsidium. Er erzählt von seiner Vorfreude, den Vorzügen seiner neuen Heimat und seinem unfreiwilligen Abgang in Rapperswil-Jona.

Regula Weik
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Erich Zoller auf dem Gelände des Bildungszentrums Neu-Schönstatt; im Hintergrund Unterterzen und der Walensee. (Bild: Michel Canonica)

Erich Zoller auf dem Gelände des Bildungszentrums Neu-Schönstatt; im Hintergrund Unterterzen und der Walensee. (Bild: Michel Canonica)

Regula Weik

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@tagblatt.ch

Auf der anderen Seeseite liegt Quinten. In der Sonne. Erich Zoller steht vor dem Rathaus in Unterterzen. Im Schatten. Sinnbildlich für seine vergangenen Monate? Er schüttelt fast unmerklich den Kopf, steigt ins Auto, und los geht die Fahrt. Aufwärts, bergwärts. Zollers neue berufliche Heimat klebt am Ufer des Walensees und am Hang. Noch ist er Präsident von Rapperswil-Jona. In wenigen Tagen übernimmt er das Gemeindepräsidium von Quarten. Ein Wechsel nach turbulenten Monaten in der zweitgrössten Stadt des Kantons.

Zoller parkt beim Bildungszentrum Neu-Schönstatt. «Nun sind wir in Quarten», sagt er beim Aussteigen und deutet auf die Häuser unten am See: «Unterterzen, dort sind wir gestartet. Versteckt um die Ecke liegt Mols. Dort unten Murg, dort drüben Quinten.» Er schaut den Hang hinauf: «Jene Dächer gehören zu Oberterzen. Und dort, wo die Luftseilbahn endet, liegt der Tannenboden. Ein gutes Stück von Flumserberg liegt auf Quartner Boden.» Mols, Murg, Oberterzen, Quarten, Quinten, Unterterzen – Zollers künftige Gemeinde ist ein kompliziertes Gebilde mit mehreren Ortschaften. Überschaubarer ist die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner: Knapp 2900 sind es derzeit. Tendenz steigend, wie die Baukräne in Unterterzen vermuten lassen? Zoller wagt keine Prognose – noch nicht. Auf der Rückfahrt verlangsamt er bei einer Baustelle das Tempo. Er ist auf Wohnungssuche; sein neuer Job verlangt einen Wohnortswechsel. Auf die Frage nach der Wunschwohnlage der Familie Zoller antwortet er: «Eine Wohnung mit grosser Terrasse und Seeblick.» So wohnten sie heute in Rapperswil-Jona – «schön und privilegiert». Er schmunzelt: «Beim Wohnen setzt sich meine Frau durch, bei der Arbeit bin ich es.» Eines hat er erfreut festgestellt: Die Immobilienpreise in Unterterzen sind tiefer als in Rapperswil-Jona. Und das, obwohl der Ort bei Pendlern eine begehrte Wohnlage ist. Keine Stunde ist es mit dem Auto nach Zürich. Quarten zählt denn auch zu jenen Gemeinden im Kanton, die prozentual am meisten von der Begrenzung des Pendlerabzugs profitieren.

«In Rapperswil tragen einige die Nase schon etwas hoch»

Quarten, sagt Zoller, sei weit besser an die Welt angebunden, als viele glaubten. Am Vortag ist er aus den Ferien –«ich hatte sie verdient» – zurückgekehrt und hat am Flughafen auf den Anzeigentafeln für die Zugverbindungen seinen neuen Arbeitsort entdeckt: S2 Zürich-Flughafen – Zürich HB – Pfäffikon SZ – Ziegelbrücke – Unterterzen. «Da können nicht allzu viele Orte in der Schweiz mithalten.» Er stellt es sichtlich vergnügt fest. Allzu oft hat er in den vergangenen Wochen gehört, sein Wechsel nach Quarten sei ein gröberer Abstieg. Seine Standardantwort: «Ich wollte immer einmal in einer grossen Gemeinde tätig sein.» Quarten ist fast dreimal so gross wie Rapperswil-Jona – flächenmässig. Nach einer Pause fügt er an: «In Rapperswil tragen einige die Nase schon etwas hoch.» Zoller war Gemeindepräsident von Weesen, später von Sargans. Dann folgte der Wechsel in die Stadt am Zürichsee. Ein Fehler? «Ich bin damals dem Reiz erlegen, in einer finanziell, wirtschaftlich, kulturell und sportlich starken Stadt tätig sein zu können.» Es sei faszinierend, in dieser Stadt Projekte zu bewegen. Er nennt den Verkauf der Beteiligung von Rapperswil-Jona an Erdgas Obersee (44 Millionen Franken) oder den Bau des neuen Bus- und Bahnhofs Jona (25 Millionen Franken). Und ja, nachträglich sei der Wechsel «vielleicht ein Fehler» gewesen. Künftig backt er kleinere Brötchen. Es stört ihn nicht. Er kennt es. «Ich werde wieder näher bei den Menschen sein.» Der direkte Austausch sei in einer Stadt schwieriger. Zoller wird nicht mit fertigen Lösungen nach Quarten kommen. Er werde sich in die wichtigen Dossiers zuerst «im Detail» einarbeiten müssen. Und: «Ich bin ein Pingpong-Spieler. Ich kann gut Argumente anderer aufnehmen und mit einer anderen als der eigenen Idee aus einer Sitzung gehen.» Zaudert er, zu entscheiden? Zoller verneint: «Irgendwann muss der Sack zugemacht, müssen Akzente gesetzt werden.» Er weiss, dass ihm sein Vorgehen in Rapperswil immer wieder als Entschluss- und Entscheidungsschwäche ausgelegt wurde.

Da sind sie, die Vorwürfe, die Anschuldigungen und die Kritik, die über Monate auf Zoller hereinprasselten und schliesslich in seiner Abwahl als Stadtpräsident gipfelten. Er sei «erst durch den Kakao gezogen, später zum Frass vorgeworfen» worden. Zoller ist Rheintaler. Er laviert nicht, er nennt die Sachen beim Namen. Die Attacken scheinen ihm noch immer nahezugehen, auch wenn er die Frage danach gegenteilig beantwortet. Gut möglich, dass ihn mehr beschäftigt, wie ohnmächtig seine Familie, seine Ehefrau und seine drei Töchter, über Wochen dem Sturm ausgeliefert waren. Hat er keine Fehler gemacht? «Ich bin nicht fehlerfrei. Sicher habe ich welche gemacht.» Bis zum Zeitpunkt, als die Kampagne – wie er es nennt – gegen ihn losgetreten wurde, sei nie gröbere Kritik über seine Amtsführung an ihn herangetragen worden. Er glaubte denn auch, «sicher im Sattel zu sitzen». Seine Wahl vor sechs Jahren war hart umkämpft gewesen, seine Wiederwahl vor vier Jahren völlig unumstritten. Die Angriffe einer Gratiszeitung fanden für Zoller ihren Höhepunkt in der Schlagzeile: «Erich Zoller ist selber ein Kesb-Kunde.» Er frage sich schon, ob «in einem Rechtsstaat ein Behördenmitglied so abgeschossen werden kann». Seine Antwort ist klar. Ob Juristen zum gleichen Schluss kämen? Er lässt es offen, ob der diesen Schritt noch tun wird.

Nicht alle Ortschaften über einen Leisten schlagen

Zurück vor dem Rathaus in Unterterzen. Zoller schaut über den See und erzählt lachend: 1990 sei in Quinten ein Haus zu kaufen gewesen. Er hätte zugegriffen, seine Ehefrau habe dagegengehalten. Und: Als Kind habe er die Ferien in Flumserberg verbracht; seine Familie habe dort ein Ferienhaus besessen. Abends hätten sie jeweils hinunter auf die Autoschlange geschaut. «Oh Walensee, du Qualensee – erinnern Sie sich?» Damals, als sich der Verkehr noch durch die Dörfer zwängte und die Autobahn noch nicht gebaut war. Auf das nahe Resort Walensee angesprochen, antwortet Zoller: «Eine meiner Baustellen. Es läuft nicht wie gewünscht.» Das Problem ist bekannt und umstritten: die Verwaltung des Resorts. Ein anderes Thema, das ihn beschäftigen wird: die Erschliessung der Dörfer. Quarten hat ausser dem Schulbus keinen öffentlichen Verkehr; Oberterzen ist mit der Luftseilbahn erschlossen, doch diese stellt abends um 18 Uhr den Betrieb ein. «Das ist zu überprüfen», sagt Zoller und schwenkt zu einem «Erfolgsprojekt», der Spinnerei in Murg. Mit ihren Lofts eine «urbane Ecke» der Gemeinde. Der Zusammenhalt der Dörfer werde eine seiner Herausforderungen sein, das Kutschieren mit den verschiedenen Menschen, ihren jeweils anderen und eigenen Dorfkulturen. Eines weiss er heute schon: Es gehe nicht an, alles über einen Leisten zu schlagen und ein Konzept über alle Orte zu stülpen. Wird ihm das gelingen? Er habe gute Referenzen in dieser Gegend hinterlassen, weicht er aus. Daran hatten sich wohl auch die örtliche CVP und FDP erinnert, als sie Zoller für das Gemeindepräsidium von Quarten anfragten. Und der CVP-Mann reüssierte in der SVP-Hochburg. Kurz zuvor war er in Rapperswil-Jona auch im zweiten Durchgang gescheitert. Dass er dazu überhaupt noch antrat, wirkte nahezu masochistisch. «Es ging um die finanzielle Absicherung», sagt er. Die Stadt Rapperswil hat nämlich vorgesorgt: Bei einer Abwahl haftet eine Versicherung. Wie viel diese zahlt, nachdem er einen neuen Job hat, sei noch offen, sagt Zoller. Nahe liegt, dass sie für einen Teil der Lohndifferenz aufkommt. Als Stadtpräsident von Rapperswil-Jona verdiente Zoller 250'000 Franken pro Jahr; in Quarten dürften es wohl über 80'000 Franken weniger sein.

Zoller ist 58 und seit zwanzig Jahren Gemeindepräsident. Wenn es mit Quarten nicht geklappt hätte, hätte er sich «im Bereich Projekte und Kommunikation umgeschaut», sagt er. Nach einer Pause: «Ich will in den nächsten sechs bis acht Jahren noch etwas machen, das Spass macht.» Heute erhält er den Schlüssel zum Rathaus in Unterterzen.