Wasser zerstört Dokumente

Die auf Wolfhaldens Kirchturm angebrachten Dokumentenkugeln wurden geöffnet. Das Gefundene löst im ersten Moment Enttäuschung und Ratlosigkeit aus.

Roger Fuchs
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Beobachtet von Gemeindepräsident Max Koch (rechts) zieht Oskar Näpflin die «zerstörten» Dokumente aus der Kugel. (Bild: rf)

Beobachtet von Gemeindepräsident Max Koch (rechts) zieht Oskar Näpflin die «zerstörten» Dokumente aus der Kugel. (Bild: rf)

wolfhalden. Dreissig Meter geht es an der Aussenseite des Kirchturms über ein Baugerüst hinauf bis auf eine über den Turm gebaute Plattform. Wolfhaldens Gemeindepräsident Max Koch, mit Fotoapparat ausgerüstet, ist gespannt, was wohl die Vorfahren 1939 – bei der letzten Kirchenrenovation – in die Dokumentenkugeln gelegt haben. Was Oskar Näpflin von der Firma Muff Kirchturmtechnik AG jedoch hoch oben auf dem Baugerüst aus dem Bauch der ersten Kugel herausfischt, sieht nach einem stark zerstörten Papierbündel aus. «Schade», kommentiert Koch. Normalerweise würden die Dokumente in einer Box verstaut, klärt Näpflin auf. In Wolfhalden war das bei der letzten Kirchenrenovation nicht der Fall. Durch Löcher ist Wasser in die Kugel eingedrungen und hat die Dokumente stark in Mitleidenschaft gezogen.

In Kirche ausgelegt

Noch bitterer wird's bei der zweiten Dokumentenkugel: Diese ist leer. Mit diesem Wissen geht es zurück auf den Boden, wo unter anderem Astrid Mucha, Präsidentin der Baukommission Kirchenrenovation, Pfarrer Andreas Ennulat und auch der Lokalhistoriker Ernst Züst nach wie vor voller Erwartungen stecken. In der Kirche wird die erste Kugel ausgelegt. Astrid Mucha begrüsst zu einem historischen Moment und erinnert an die Mobilmachung im August 1939. «Ich hoffe, dass der Inhalt der Kugeln Aufschluss über die damalige Zeit gibt», so Mucha. Noch bevor Andreas Ennulat in die Kugel greifen darf, erläutert Oskar Näpflin die Restaurationsschritte; demnach soll die Kugel wieder vergoldet werden.

Als die Anwesenden schliesslich vom Inhalt Kenntnis nehmen, können sie eine erste Enttäuschung nicht verbergen. In der Kirche geht nun das grosse Rätselraten los – nicht nur zum Fund, sondern auch zur Kugel. Lokalhistoriker Ernst Züst wirft die Frage in den Raum, aus welchem Jahr wohl die Dokumentenkugel und die darüber angebrachte Rosette stammen, aus der Bauzeit 1652 oder aus der Zeit der ersten Renovation, also 1846?

Pfarrer öffnet Papierbündel

Schliesslich greift Ennulat das Dokument. Obschon Stimmen laut werden, für weitere Abklärungen das Kantonsarchiv beizuziehen, ist der Gwunder des Pfarrers gross. Auf dem Abendmahlstisch werden Servietten ausgelegt. Dann zieht Andreas Ennulat die Papierfetzen vorsichtig auseinander und entdeckt Handgeschriebenes. Erst auf eine Intervention von Mucha sehen der ebenfalls über das Dokument lehnende Lokalhistoriker und der Pfarrer von weiteren Recherchen ab.

«Im ersten Moment bin ich ein wenig enttäuscht über die Sorglosigkeit, mit der einst die Dokumente in die Kugel gesteckt wurden. Auch macht uns das Gefundene noch etwas ratlos, und wir wissen noch nicht, ob es überhaupt einen historischen Wert besitzt», so Mucha. «Wir geben die Sache nun zur Sichtung weiter an den Staatsarchivar von Appenzell Ausserrhoden. Danach werden wir in der Baukommission beraten, welche Dokumente oder welche Zeitzeugen wir in der restaurierten Kugel plazieren.»