Was unsere Väter schufen

ST.GALLEN. Die Wartehalle auf dem Bohl, die kantonale Notrufzentrale, der Pfalzkeller: Santiago Calatrava prägt mit diesen drei Bauwerken das Bild der Stadt St. Gallen. Ein Gespräch mit dem spanischen Architekten über St. Gallen und den Marktplatz.

Daniel Wirth
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Die Buswartehalle wurde in den 1990er-Jahren nach Plänen von Santiago Calatrava konstruiert und auf dem Bohl aufgestellt. Sie prägt das Bild des Stadtzentrums. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Buswartehalle wurde in den 1990er-Jahren nach Plänen von Santiago Calatrava konstruiert und auf dem Bohl aufgestellt. Sie prägt das Bild des Stadtzentrums. (Bild: Hanspeter Schiess)

New York, Rio de Janeiro, Doha. Das sind drei Mega-Cities, in denen gegenwärtig Bauwerke nach Plänen Santiago Calatravas verwirklicht werden – und die das Bild dieser Städte prägen werden: In Manhattan, beim Freedom Tower, wird für mehrere Milliarden Dollar ein Bahnhof gebaut, dessen Dach sich öffnen lässt; auf einem Pier am Atlantik entsteht in Brasilien das Museu do Amanhã; in Katar werden ebenfalls für mehrere Milliarden Brücken, Tunnels und Strassen gebaut. Für diese prestigeträchtigen Projekte mussten Santiago Calatrava und seine Architekten Wettbewerbe gewinnen, oder sie wurden eingeladen.

Eingang in den Pfalzkeller: Ein Blickfang beim Regierungsgebäude. (Bild: Urs Bucher)

Eingang in den Pfalzkeller: Ein Blickfang beim Regierungsgebäude. (Bild: Urs Bucher)

Mit St.Gallen verbunden

Obschon der Architekt, Bauingenieur und Künstler ständig rund um den Globus fliegt, nahm er sich Zeit für das St. Galler Tagblatt, um auf dessen Anfrage über den Marktplatz in St.Gallen zu sprechen. Nach 2011 schickte das städtische Stimmvolk am 8. März dieses Jahres zum zweitenmal eine Vorlage klar bachab.

Von sich aus hätte sich Santiago Calatrava nicht in die Diskussion eingebracht. Auf diese Feststellung legt er grossen Wert. Der Spanier mit Büros in Zürich New York und Doha ist regelmässig in St.Gallen, wie er sagt. Die Stadt sei von ihrer Baugeschichte her einzigartig spannend. Das Kloster, das eine 1400 Jahre alte Geschichte hat, sei nicht von ungefähr Unesco-Weltkulturerbe. Die Erbauer des Stifts hätten sich grösste Mühe gegeben und seien Grosse ihrer Zeit gewesen, sagt Calatrava.

Auch für den Bahnhof St.Gallen findet der Spanier nur lobende Worte, vor allen Dingen für die Stahlkonstruktion: Hier sei etwas entstanden, das erhalten werden müsse, auch wenn der Bahnhof dereinst erneuert werde. Santiago Calatrava bedient sich eines Gedichts des Berner Liedermachers Mani Matter (1936–1972):

Was unsere Väter schufen/war/da sie es schufen neu/bleiben wir später/den Vätern treu/schaffen wir neu.

Diese wenigen Worte aus der Feder Mani Matters machen deutlich, was Calatrava meint: Historisches und Modernes können vereint werden. In der Stadt St.Gallen seien in früheren Epochen Bauwerke von höchster Qualität entstanden, sagt er. Dass der St.Galler Stadtrat nach der zweiten Ablehnung einer Marktplatzvorlage sagte, es brauche jetzt einen Marschhalt, kann Calatrava nachvollziehen.

Die Gegner der zweiten Marktplatzvorlage hatten in der vergangenen Woche in einem Communiqué rasches Handeln vom Stadtrat gefordert. Noch vor den Sommerferien müsse eine Auslegeordnung unter Einbezug der Markthändler, der Taxiunternehmer und der Anwohner auf den Tisch. Santiago Calatrava sagt im Gespräch mit dem Tagblatt, die Neugestaltung von Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt sei eine Herausforderung. Das Zentrum der Stadt müsse vielen Menschen mit den unterschiedlichsten Ansprüchen dienen. Die Sanierung und Aufwertung des Gallusplatzes sei der Stadt St. Gallen gut gelungen. Santiago Calatrava: «Die Ruhe ist auch Musik.» Natürlich sei die Ausgangslage beim Marktplatz und auf dem Bohl eine andere.

Die kantonale Notrufzentrale: Futurisches und Historisches als harmonisches Nebeneinander. (Bild: Urs Bucher)

Die kantonale Notrufzentrale: Futurisches und Historisches als harmonisches Nebeneinander. (Bild: Urs Bucher)

Eine Studie als Anregung

Wie soll es mit dem Marktplatz in St.Gallen weitergehen? Ohne die beiden Projekte, die dem Stimmvolk vorgelegt wurden, beurteilen zu wollen, denkt Calatrava, dass die Durchführung eines Studienwettbewerbs oder die direkte Vergabe eines Studienauftrags am sinnvollsten wäre. Planer, Stadtrat und Parlament wollten die Calatrava-Wartehalle auf dem Bohl 2011 versetzen. Würde der weltweit tätige Santiago Calatrava einen Studienauftrag im kleinen St.Gallen dennoch annehmen?

«Wenn der Stadtrat von St.Gallen beschliesst, dass meine Arbeit zu diesem Zweck sinnvoll ist, wäre es eine Ehre für mich», sagt Santiago Calatrava.