Was der Gotthard bietet, hat Rorschach schon lange

Draufgeschaut

Drucken
Teilen
Rorschachs neuste Attraktion: Stauvergnügen vor dem Stadteingang. (Bild: Corina Tobler)

Rorschachs neuste Attraktion: Stauvergnügen vor dem Stadteingang. (Bild: Corina Tobler)

Musik klingt aus dem Lautsprecher, der Kopf wippt im Takt, die Klimaanlage läuft. Die Hände sind am Lenkrad, der Blick ist entschlossen auf die Strasse gerichtet. Das Ziel ist vor Augen: die Stadt am verlockend blauen See am perfekten Frühsommertag. Dann erscheint sie. Glitzernd breitet sie sich vor dem geblendeten Auge des Lenkers aus, fast wie eine Fata Morgana. Immer näher kommt die Blechlawine, bis sie auch das eigene Fahrzeug verschlingt. Von nun an Schritttempo.

Nein, die Szene spielt sich nicht vor dem Portal des Gotthardtunnels ab. Das Hindernis am vorderen Ende der Fahrzeugkolonne sind nicht die Alpen, aber eine ähnlich schwierig zu überwindende Hürde: die Rorschacher Barrieren. Dank ihnen entsteht vor dem Stadteingang ein blechernes Monster, das durchaus an jenes vor dem Gotthard erinnert. Die Regel ist einfach: Je mehr Stau am langen Wochenende, desto attraktiver muss das Ziel sein. Was heisst das für Rorschach?

Dass sich der Stadtrat freuen darf. Schliesslich wirkt die Hafenstadt auf die Auffahrtsausfahrer ähnlich anziehend wie Lugano, Ascona oder Locarno. Strahlenden Sonnenschein, hohe Temperaturen, den See und die dazugehörige Promenade gibt’s hier schliesslich auch. Für das mediterrane Flair fehlen vielleicht die Palmen und die vielen Cafés entlang der Promenade, aber Verbindungen in Richtung Italien hat Rorschach über Handelswege seit Jahrhunderten. Wer weiss, vielleicht beschleunigt ja der Aufstieg in die Königsklasse der Auffahrtsziele die Aufwertung des Seeufers. Eins ist sicher: Die Autos auf dem Kabisplatz sind eindeutig weniger attraktiv als diejenigen auf den Strassen vor der Stadt.

Letztere sind nämlich verantwortlich dafür, dass Rorschach nun das volle Auffahrtsprogramm bietet – Stau inklusive. Gemütlichkeit ist am viertägigen Wochenende schliesslich Trumpf. Was gibt es also Schöneres, als die Vorfreude auf die sonnige Erholung am Wasser durch aktive Teilnahme an der autofahrenden Gemeinschaft zu verlängern? Zumal der Stau nicht nur die Erwartungen an die Stadt steigert, sondern auch verkehrsberuhigende Wirkung hat. Die Bleifüsse, die sonst an Sonntagen in der Hafenstadt ihre Motoren aufheulen und Passanten aufschrecken lassen, werden elegant ausgebremst.

Dies lässt sich noch weiter denken. Der Stau – auf den ersten Blick allen Klimaschützern und Luftreinhaltern ein Dorn im Auge – ist gar nicht so umweltfeindlich. Erstens, weil die Ostschweizer sich dank ihm den weiten Weg zum Gotthard sparen können. Ihr langes Wochenende bekommen sie auch hier, zum Preis von viel weniger Benzinverbrauch und geringerem CO2-Ausstoss. Zweitens könnte der Stau ein radikales Umdenken im Verkehrsverhalten bewirken. Was müssen sich denn diejenigen Autofahrer denken, die das mit der Gemütlichkeit nicht im Griff haben und sich einfach nur fürchterlich darüber aufregen, im Stau zu stehen? Sie sehen, wie Züge, Velofahrer, Skater, ja sogar Fussgänger schneller vorwärts kommen als sie selbst. Der Umstieg auf den Langsamverkehr ist die einzig sinnvolle Lösung – zumal die Stadt diesen jüngst forciert hat, etwa mit dem neuen Radweg ab dem «Arion». Und wer weiss, vielleicht zieht ja Rorschacherberg der Geschichte zum Trotz bald mit seiner Verlängerung des Seeuferwegs nach?

Corina Tobler

Aktuelle Nachrichten