Warten auf das «Gesetzt»

Oliver Müller hat den Traumberuf vieler Buben: Er ist Kranführer. Seine neueste Aufgabe hat ihn und sein Team auf die Würth-Baustelle gebracht. Sie müssen sechs fast 60 Meter lange Dächer vom Boden auf den Neubau hieven.

Dominik Bärlocher
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Dach aufs Dach: Der Kran hebt die Elemente des 40-Tonnen-Daches in stundenlanger Präzisionsarbeit an seinen Bestimmungsort. (Bild: Urs Bosshard)

Dach aufs Dach: Der Kran hebt die Elemente des 40-Tonnen-Daches in stundenlanger Präzisionsarbeit an seinen Bestimmungsort. (Bild: Urs Bosshard)

RORSCHACH. Die Räder des Krans auf der Würth-Baustelle sind so gross wie ein ausgewachsener Mann. Der gelbrote Hebearm ragt 32 Meter in die Höhe. Er steht auf einer Fläche von 14 mal 14 Metern. Es hat einen Tag gedauert, die riesige Baumaschine aufzubauen. Der Kran vom Typ Terex Demag TC 2800-1 ist der stärkste mobile Pneukran der Schweiz – und ein Bubentraum in gelbrotem Metall.

Geführt wird die Baumaschine von Oliver Müller. Der Kranführer der Transportfirma Welti und Furrer inspiziert ein letztes Mal «seinen» Kran. Fragend blickt er hinauf, nickt, spricht kurz mit einem Kollegen. Auch der nickt. «Der Kran steht nur in kleiner Konfiguration da», sagt Müller. Es sei möglich, den Kran auf eine Höhe von über 100 Meter auszubauen. Der Terex kann bis zu 600 Tonnen heben. Doch für den Auftrag auf der Würth-Baustelle reiche die «kleine Konfiguration», obwohl auch hier grosse Lasten gehoben werden müssen. Gross und vor allem klobig. Es gilt, sechs Dächer vom Boden – wo sie gerade noch verschweisst worden sind – auf den Giebel zu bringen. Jedes Dach ist 59,54 Meter lang und wiegt 40 Tonnen.

Sieben Männer für ein Dach

«Diese Aufgabe alleine zu bewältigen wäre unmöglich», sagt Oliver Müller. Der bescheidene Mann, der täglich mit einer Handbewegung mehrere hundert Tonnen durch die Luft schweben lässt, macht eine ausladende Geste. «Ohne ein gutes Bodenteam wäre ich aufgeschmissen.» Noch bevor sich eines der weissen dreieckigen Dächer nur einen Zentimeter vom Boden hebt, arbeiten Müller und seine Männer auf Hochtouren. Am Boden sind vier Arbeiter, die das Dach sauber führen. So soll verhindert werden, dass das Dach irgendwo anstösst oder ausser Kontrolle gerät und beginnt, sich zu neigen oder zu drehen.

Ein Funker gibt Müller die Kommandos. «Nach dem Anheben gibt es nur noch zwei Kommandos», sagt Müller. Diese seien «auf» und «ab» und sagen dem Kranführer, in welche Richtung er seine Ladung bewegen muss. Zudem ist ein weiterer Mann mit Funkgerät am Boden, der die ganze Operation kontrolliert. Dies sei zum Schutz von Mensch und Bau notwendig, sagt Müller. «So ein 40-Tonnen-Dach kann recht grossen Schaden anrichten, wenn es mit einer Bauwand kollidiert», sagt er, blickt sich noch einmal absichernd auf der Baustelle um – die noch genau so da liegt wie vorher –, tritt einen Stein zur Seite und nickt erneut.

Ein Dach in über zwei Stunden

Ab dem ersten Moment, in dem eine Ladung vom Boden ist, stehe das Team laut dem Kranführer unter Hochspannung. Jeder Windstoss könnte verheerende Folgen haben. Doch Oliver Müller und sein Kollege reden nicht gerne über solche Dinge. Technische Details, die sind spannender. Und laut den Männern auch wichtiger. «Jedes Detail muss sitzen, jede Berechnung und jede Messung so genau wie möglich sein», sagen sie mit Bestimmtheit. Bisher sei ihnen aber noch nie etwas Schlimmes passiert, versichern sie und nicken.

Um ein Dach vom Boden auf den Giebel des Würth-Baus zu bringen, benötigt das Team um Oliver Müller mit dem Terex etwa zweieinhalb Stunden. Das erste Dach dauere immer am längsten. Sie hoffen, dass sie bei den folgenden fünf 60-Meter-Dächern schneller vorankommen. Denn mit jeder Minute sammeln sie neue wertvolle Erfahrung auf der Würth-Baustelle. Doch ob am Boden oder im Cockpit des Krans, alle warten sie auf das Kommando, das besagt, dass das Dach an seinem Bestimmungsort angekommen ist. Das Kommando ist ein kurzes Wort: «Gesetzt.»