War es der Zwillingsbruder?

Lenkte ein 42-Jähriger sein Auto mit 103 statt der erlaubten 60 km/h über die Landstrasse bei Lömmenschwil oder war es sein Zwillingsbruder? Für den Richter war klar, wer es war.

Claudia Schmid
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LÖMMENSCHWIL. Das Kreisgericht St. Gallen hatte Anfang Woche einen verzwickten Fall zu beurteilen. Angeklagt war ein Autofahrer, der am 11. Oktober 2014 nachts um 2.30 Uhr 40 km/h zu schnell auf der Strasse zwischen Wittenbach und Lömmenschwil unterwegs gewesen sein soll. Im Innern des Personenwagens mit St. Galler Nummernschild sass ein Mann, der auf den ersten Blick so aussieht, wie der von der Staatsanwaltschaft beschuldigte 42jährige Schweizer. Dies zeigte das Foto, das der Verteidiger an die Gerichtsverhandlung mitgebracht hatte und beim Blitzen des Autos gemacht worden war.

Kaum zu unterscheiden

Sein Mandant müsse einen Freispruch erhalten, da nicht mit Sicherheit gesagt werden könne, wer von den beiden Brüdern das Auto gelenkt habe, erklärte der Anwalt des Beschuldigten in seinem Plädoyer. Die eineiigen Zwillinge hätten nur ganz wenige Merkmale, die sie unterscheiden würden. «Selbst ihre Mutter hat Mühe, die beiden auseinanderzuhalten. Ihre DNA ist dieselbe, einzig ihr Fingerabdruck unterschiedlich», erklärte er. Auch er könne nicht mit 100prozentiger Sicherheit sagen, ob nun sein Mandant oder der Bruder hier an Schranken sitze.

Der Verteidiger sprach einen Bericht des kriminaltechnischen Dienstes der Kantonspolizei an, der sich ebenfalls mit der Identität der Zwillingsbrüder beschäftigt hatte. Darin sei richtig festgehalten, dass sein Mandant an der Stirne eine Falte habe, welche beim Bruder fehle. Nun wolle der kriminaltechnische Dienst diese Stirnfalte auf dem Foto erkennen. Der helle Strich auf dem unscharfen Bild könne aber ebenso gut der Widerschein eines Lichtstrahles oder eine andere optische Täuschung sein.

Zweifel zu gross

Der Bericht komme zum Schluss, dass aufgrund der Erkenntnisse aus dem untersuchten Foto sein Mandant und nicht der Zwillingsbruder der Schuldige sein müsse. Dabei würden Wörter wie «eher» und «mit grosser Wahrscheinlichkeit» gebraucht. Dies reiche für eine Verurteilung aber nicht. «Sind erhebliche Zweifel an der Schuld vorhanden, muss ein Freispruch erfolgen», argumentierte der Verteidiger weiter.

Der Einzelrichter am Kreisgericht St. Gallen entschied anders. Für ihn stand zweifelsfrei fest, dass der Beschuldigte und nicht sein Zwillingsbruder den Wagen zu schnell gelenkt hatte. Erstens sei er sicher, welcher der Brüder vor ihm sitze, da er die Stirnfalte eindeutig erkenne. Zweitens habe der kriminaltechnische Dienst unter anderem auch den Winkel des Merkmals ausgemessen und dieser stimme mit der Falte, die auf dem Foto zu erkennen sei, überein. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass eine optische Täuschung ebenfalls genau diesen Winkel aufweise.

Geldstrafe erhalten

Das Kreisgericht sprach den Mann der groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig. Es verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 30 Franken. Zudem muss er die Verfahrenskosten zahlen.