Walter Baers Vermächtnis

Fliegen und Fotografieren waren Walter Baers Leidenschaft. Daraus entstanden Flugaufnahmen. Die Dokumente von geschichtlichem Wert befinden sich nun im Stadtarchiv.

Fredi Kurth
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Die Hochschule St. Gallen im Jahr 1976. Auf den Rosenberg war sie 1963 gezogen. Der Neubau war für 900 Studierende konzipiert.

Die Hochschule St. Gallen im Jahr 1976. Auf den Rosenberg war sie 1963 gezogen. Der Neubau war für 900 Studierende konzipiert.

Die Bildunterschrift war einst ein Markenzeichen des St. Galler Tagblatts: «Flugaufnahme Walter Baer». Es war die Zeit, da es noch keine Drohnen gab und keine ausgeklügelten Animationen. Stattdessen verging kaum eine Woche, da Walter Baer nicht in seine Piper L-4 stieg – und danach die Leser in der Zeitung mitfliegen liess.

Die Altstadt und der Dom

Walter Baer verband seine Leidenschaft mit dem Nützlichen. Er fotografierte fast ausschliesslich aus der Luft – wann immer sich ein Sujet eignete: Den Autobahnbau, den Bau des Rathauses, die Kreuzbleiche mit der Kaserne, den HSG-Neubau, später das OpenAir-Gelände oder das Kinderfest, und viele Objekte aus der Region. Persönlich gefiel ihm der Blick auf die St. Galler Altstadt und den Dom besonders. Für Architekten nahm er Überbauungen in den Fokus, für Gemeindepräsidenten dokumentierte er die Ausdehnung des Wohngebiets, und Foto Gross lieferte er Material für Ansichtskarten.

Knüppel zwischen den Beinen

Meistens flog Walter Baer allein, nur selten in Begleitung. Geht das überhaupt, fliegen und fotografieren gleichzeitig? «Da hatte er viel Übung», erinnert sich Barbara Baer, seine Gattin. «Er nahm den Knüppel zwischen die Beine und schaute mit der Kamera durch das geöffnete Fenster.» Bei dieser handelte es sich um eine Anfertigung von Pentax mit Pistolengriff, die Baer mit einer Hand festhielt.

Ab und zu befand er sich auch auf festem Boden. Er war nicht nur Tagblatt-Mitarbeiter, sondern für einige Zeit auch Chefredaktor dieser Zeitung.

Zeitgenossen von ihm mögen sich noch an den liebenswürdigen Menschen erinnern, an typische Gestik. Zum Beispiel wenn er die Tabakpfeife aus dem Mundwinkel nahm und sein Lächeln aus Schalk und Charme aufsetzte.

Ende der 1980er-Jahre begann für Walter Baer, der aus der Militärfliegerei kam, die Zeit, da er sich nur noch dem Fliegen widmen wollte. Er arbeitete als Fluglehrer, zeitweise auch als Berufspilot. Bald begann er, Flugreisen für Privatpiloten im südlichen Afrika, von Johannesburg nach Namibia, Botswana und Simbabwe, durchzuführen. Mit andern Piloten machte er auch Erkundungsflüge, um neue Routen ausfindig zu machen.

Der Nachwelt erhalten

Der letzte Tag einer dieser Flugreisen sollte im Jahr 1997 seinem Leben ein jähes Ende setzen. Der Pilot der Maschine, in der er mitflog, meldete ihm kurz nach dem Start, dass etwas mit der Benzinzufuhr nicht mehr in Ordnung sei. Der Schaden war nicht mehr zu beheben. Die Maschine stürzte in der Steppe ab. Mit dem Unglückstag endet auch die Sammlung von Walter Baers Flugaufnahmen. Fein säuberlich, mit Schreibmaschine, hatte er das Archiv nachgeführt. Die Aufzeichnungen beginnen 1967 mit «Autobahnbau» und «Eisbahn».

Die grosse Sammlung der Negative hat die Familie von Walter Baer nun dem Stadtarchiv übergeben. Jene bieten Gewähr, dass Walter Baers Vermächtnis der Nachwelt erhalten bleibt und die Fotos immer wieder mal auftauchen dürften: in Publikationen, Ausstellungen, Schulzimmern.

Das Bahnhofareal im Jahr 1976. Das neue Rathaus ist erbaut, der Bahnhofplatz aber noch mit dem alten Bau versehen.

Das Bahnhofareal im Jahr 1976. Das neue Rathaus ist erbaut, der Bahnhofplatz aber noch mit dem alten Bau versehen.

Walter Baer In einer Aufnahme aus dem Jahr 1996 (Bild: pd)

Walter Baer In einer Aufnahme aus dem Jahr 1996 (Bild: pd)

Die Kreuzbleiche mit der noch bestehenden Kaserne im Jahr 1978. (Bild: Flugaufnahmen: Walter Baer)

Die Kreuzbleiche mit der noch bestehenden Kaserne im Jahr 1978. (Bild: Flugaufnahmen: Walter Baer)