Wald als Schutzwall für die Stadt

In Flums oder Filisur sind Schutzwälder nichts Aussergewöhnliches. Erstaunen mag, dass auch auf Stadtgebiet ein grosser Teil der Waldfläche dem Schutz der Bevölkerung dient. Im stotzigen Sittertobel helfen zudem Steinschlagnetze.

Rafael Rohner
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Stahlnetze schützen das Kraftwerk im Kubel vor Steinschlag. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Stahlnetze schützen das Kraftwerk im Kubel vor Steinschlag. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Ein Schutzwald ist an sommerlichen Tagen besonders angenehm. Das nasse Laub auf dem Waldboden riecht erdig. Hier und dort bricht die Sonne durch das raschelnde Blätterdach, und auf grossen Kalkblöcken wachsen Moos, Gräser und selbst Bäume. Das geübte Auge des Försters sieht im Waldstück an der Sitter beim Kraftwerk Kubel zunächst hingegen ganz andere Dinge. Ist der leicht unterhöhlte Baum dort am Hang stabil genug? Genügt das Sonnenlicht, damit auch junge Bäume gedeihen? Die Antworten auf solche Fragen geben Aufschluss darüber, ob das Waldstück ausreichend Schutz bietet. Vor einem Steinschlag etwa, Überschwemmungen oder einem Hangrutsch.

Schiefe Bäume fällen

Auf Stadtgebiet stellen sich solche Fragen vielerorts. Ein überraschend grosser Anteil des Waldes gilt nämlich als Schutzwald. Rund 46 Prozent der Fläche sind es insgesamt. Diese Wälder lassen etwa das Wasser langsamer abfliessen, stabilisieren Böden oder verhindern Steinschläge. An einer Informationsveranstaltung erklärten gestern Vertreter des Kantons und der Waldregion St. Gallen, was nötig ist, damit die Schutzwirkung auch langfristig erhalten bleibt.

Eine nötige Massnahme ist etwa das Fällen von schief stehenden oder unterspülten Bäumen, wie Revierförster Walter Bicker erklärte. Dank der Lücken, die sich dadurch im Blätterdach bilden, strahlt mehr Wärme und Licht auf den Boden, und Jungbäume können sich besser entwickeln. Das sorgt für eine gute Durchmischung des Waldes, was generell wichtig sei. Denn: «Biodiversität bringt Stabilität.» Das gilt natürlich nicht nur für das Alter der Bäume, sondern auch für deren Art. Nebst Buchen, Eschen, Tannen, Fichten und Bergahorn sollen im Sittertobel deshalb zunehmend auch Eiben wachsen. Bicker hat eine solche entdeckt und sie mit einem Band markiert. Damit man sie sieht, denn es handelt sich noch um ein eher kleines Exemplar. Eine Eibe sei ein dankbarer Baum, erklärte Bicker. Sie bleibe klein, wachse dafür aber beständig, was die Stabilität erhöhe.

Pflege und Bewirtschaftung des Waldes sind im Sittertobel nicht überall leicht. Manche Stellen sind schwierig zugänglich, und gefällte Bäume können nur mit einem Seilzug oder einem Helikopter abtransportiert werden. Beides kostet mehr, als dass der Verkauf des Holzes einbringt. Ohne Beiträge von Kanton und Bund, so die Befürchtung, könnten Waldbesitzer allzu häufig auf solche Massnahmen verzichten. Mit den Beiträgen soll dies aber verhindert werden, wie Bicker sagte.

Schutzverbauungen sind teuer

Deutlich teurer kann es laut Regionalförster Raphael Lüchinger werden, wenn ein Schutzwald fehlt oder er seine Wirkung verliert. «Technische Verbauungen kosten 20 bis 100 Mal so viel wie Waldpflege.» Bis zum nächsten Beispiel hierfür ist es nicht weit. Oberhalb des Kraftwerks Kubel steht ein solches Bauwerk. Das gesamte Projekt kostete rund 2,75 Millionen Franken und erstreckt sich über ungefähr vier Hektaren. Damit handelt es sich um die grösste derartige Einrichtung im Kanton. Die Verbauung sei nötig geworden, weil Steinschlag das Kraftwerk, den offiziellen Wanderweg und die Zufahrt bedroht hätten, sagte Lüchinger. Es sei zuvor zu gefährlichen Situationen gekommen. Die Kosten für die Schutzmassnahme wurden aufgeteilt. Die Stadt als Eigentümerin zahlte 14 Prozent, die St. Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK) als Betroffene 38 Prozent, und weitere Beiträge steuerten Kanton, Bund und die Gebäudeversicherung bei.

Die Förster Raphael Lüchinger und Walter Bicker (rechts) erklären in einem Waldstück an der Sitter die Funktionen eines Schutzwaldes. (Bilder: Urs Bucher)

Die Förster Raphael Lüchinger und Walter Bicker (rechts) erklären in einem Waldstück an der Sitter die Funktionen eines Schutzwaldes. (Bilder: Urs Bucher)

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