WAHLFREIHEIT: Kritik an evangelischer Kirche

Evangelisch-reformierte Schüler, die das neue Schulfach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» nicht bei einer kirchlichen Fachperson besuchen, können sich nicht konfirmieren lassen. Das löst Kritik aus.

David Gadze
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Schüler besuchen das neue Schulfach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» bei einer schulischen oder kirchlichen Lehrperson. (Bild: Getty Images)

Schüler besuchen das neue Schulfach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» bei einer schulischen oder kirchlichen Lehrperson. (Bild: Getty Images)

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Das neue Schulfach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» (ERG), wird erst ab dem kommenden Schuljahr unterrichtet. Dennoch gibt es bereits jetzt Kritik. Grund dafür ist die Wahlfreiheit der Eltern beziehungsweise Schüler für eine der beiden Varianten ERG-Schule (von Lehrpersonen der Schule erteilt) oder ERG-Kirche (durch kirchliche Fachlehrper­sonen unterrichtet). Denn in der Oberstufe müssen evangelisch-reformierte Schüler ERG-Kirche besuchen, ansonsten können sie sich nicht konfirmieren lassen. Das stösst vielen Eltern sauer auf. Beim Schulamt sind bereits Beschwerden eingegangen.

Andreas Ackermann, Beauftragter für Kommunikation der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, versucht, die Kritik zu relativieren. Bereits bisher hätten die Oberstufenschüler wählen müssen zwischen dem Fach Ethik und dem Religionsunterricht. Dieser sei Bedingung gewesen für die Konfirmation. «Für die Schüler ändert sich faktisch also nichts.»

«Was auf der Verpackung draufsteht, ist drin»

Im Merkblatt des Schulamts heisst es aber explizit: «Das Fach ERG wird so gestaltet und unterrichtet, dass es von Kindern aller weltanschaulichen Orientierungen besucht werden kann. Es handelt sich nicht um Religionsunterricht.» Dieser werde von den Kirchen angeboten und sei, im Gegensatz zu ERG, freiwillig. Warum macht die evangelisch-reformierte Kirche also diese zusätzliche Bestimmung? Die Wortwahl des Schulamts sei unpräzis, sagt Ackermann. «Freiwilligen Religionsunterricht gibt auf der Primarstufe, nicht aber auf der Oberstufe.» Zudem handle es sich um eine Frage der Perspektive. Während die Schule eine neutrale Sicht vertrete, beurteile eine kirchliche Lehrperson Fragen der Schöpfung oder der Ethik anders. Deshalb gebe es einen Unterschied zwischen den beiden Varianten. «Es ist klar, dass wir im Unterricht nicht missionieren, zumal beide Varianten Schülern aller Religionen und Konfessionen offenstehen», sagt Ackermann. «Aber was auf der Verpackung draufsteht, ist drin.»

Das Bistum St. Gallen beurteilt das anders. «Im Religionsunterricht und später im Fach ERG werden zwar die Grund­lagen geschaffen und das christliche Wissen erworben für die Erstkommunion und die Firmung», sagt Barbara Wälti, Katechese-Verantwortliche der Katholischen Kirchgemeinde. Bedingung für eine spätere Firmung sei der ­Besuch von EGR-Kirche jedoch nicht. Das habe auch damit zu tun, dass alle Firmlinge einen separaten Firmkurs besuchen müssen – aber nicht nur. «Die Kompetenzen und Werte, die im Fach ERG vermittelt werden, sind bei beiden Varianten letztlich dieselben», sagt Wälti. Es sei zwar richtig, dass eine christliche Lehrperson teilweise andere Ansichten zu bestimmten Fragen haben könne, der Unterricht müsse dennoch wertneutral sein.

Schulamt klärt Rechtsmittelweg ab

Das Schulamt lässt die Kritik nun überprüfen. «Es steht der Vorwurf im Raum, dass die Kirche die Volksschule faktisch zu einem Wahlpflichtprogramm zwingt, das aus Elternsicht verfassungsmässige Grundrechte verletzen könnte», sagt Schulamtsleiterin Marlis Angehrn. Ob das stimme, müsse auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg überprüfbar sein. In der Volksschule dürfe es keinerlei Diskriminierungen von Schülern aufgrund einer persönlichen, religiös oder anderweitig motivierten Wahlentscheidung geben. Auch die Kirche müsse sich, sobald ihre Anordnungen obligatorischen Volksschulunterricht betreffen, diskriminierungsfrei verhalten. Das Schulamt habe sich daher beim zuständigen kantonalen Amt Ende Januar erkundigt, ob sich Eltern gegebenenfalls wehren können und wie. Die Antwort des Kantons stehe noch aus.