Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WAHLEN: «Ich bin keine Schlaftablette»

Der 57-jährige SVP-Stadtparlamentarier Jürg Brunner möchte von der Legislative in die Exekutive wechseln. Im Interview sagt er, was für ihn Sicherheit bedeutet. Und weshalb es jetzt einen Unternehmer im Stadtrat brauche.
Daniel Wirth
«Ich bin ein Kämpfer», sagt SVP-Stadtratskandidat Jürg Brunner, «der oft auch mit den Händen spricht». (Bild: Jil Lohse)

«Ich bin ein Kämpfer», sagt SVP-Stadtratskandidat Jürg Brunner, «der oft auch mit den Händen spricht». (Bild: Jil Lohse)

Daniel Wirth

daniel.wirth@tagblatt.ch

Jürg Brunner, warum kandidieren Sie für den St. Galler Stadtrat?

Weil die Mehrheit im Stadtrat im Augenblick links-grün ist. Was derzeit fehlt, ist der mittelständische Angelpunkt, der zur Meinungsbildung im Gremium beitragen könnte. Ich als in der Stadt tätiger Unternehmer spüre diese Untervertretung und möchte daran etwas ändern.

Was läuft verkehrt?

Die Prozesse verlaufen viel zu langsam. Die Stadt hat zu viele Eisen im Feuer: Bahnhof St. Fiden, Bahnhof Nord, Güterbahnhof, Markplatz und andere. Und überall spielen wichtige, aber auch unwichtige Player mit. Darum geht es nirgendwo vorwärts. Das ist sehr schade.

Sie sprechen die partizipativen Verfahren an. Sind die nicht gut?

Doch, aber es sollten nur die wichtigsten Player ins Boot geholt werden. Beispiel St. Fiden: Hier gehört der Migros relativ viel Land. Doch der Grossverteiler verliert allmählich die Nerven und plant einen Umbau statt einen Neubau. Breite Vernehmlassungen sind gut, aber bei der Planung sollten nicht alle mitreden können. Das verschlingt Ressourcen und ist letztlich nur eines: Geldverschwendung.

Braucht die Bauverwaltung der Stadt nicht einfach mehr Personal?

Nein. Es braucht nicht mehr Personal. Aber die Verwaltung sollte einen Schritt nach dem anderen tun. Wer viele Hasen jagt, erwischt meistens keinen. Ein alter Spruch, aber in St. Gallen kommt es bei der Planung oft genug genau so heraus.

Geht es Ihnen auch bei der Marktplatz-Neugestaltung zu langsam?

Viel zu langsam. Mit dem verplanten Geld hätten die Markthäuschen schon lange ausgewechselt und die Rondelle längst aufgefrischt werden können. Beides wäre nicht so sackteuer gewesen.

Sie wollen pragmatische Lösungen.

Ein gutes Beispiel ist für mich die Sanierung des Waaghauses. Schnell und günstig. Es liegt an meinem Charakter, dass ich pragmatische Lösungen bevorzuge.

Sind Sie ungeduldig?

Nein. Ich bin ein Kämpfer. Es muss etwas gehen. Ich bin keine Schlaftablette. Ich bin kein Verwalter, sondern ein Unternehmer. Ich mache mir keine Illusionen. Ein Beispiel: eine totale Überdachung der Autobahn beim Bahnhof St. Fiden. Wer mir mit dieser Idee kommt, dem sage ich eines: Träum du nur weiter. Dieses Projekt ist too big für St. Gallen.

Apropos Autobahn. Sind Sie für eine dritte Röhre durch den Rosenberg und eine Teilspange zur Liebegg.

Ja, diese Engpassbeseitigung ist wichtig für die Stadt und die Region St. Gallen. Wenn es Stau gibt auf der Autobahn, weichen die Autofahrerinnen und -fahrer auf die Strassen im Zentrum und in den Quartieren aus. Davon hat niemand was.

Und die Mobilitäts-Initiative, über die im nächsten Jahr abgestimmt wird. Finden Sie das Begehren gut?

Ja. Strassen sind die Adern der Wirtschaft. Mit dem heutigen Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung klemmen wie diese Adern ab. Das ist wirtschaftsfeindlich. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn im Stadtzentrum Läden dichtmachen. Diese müssen mit dem Auto erreichbar sei. In Zürich wird am 24. September kantonal über einen Gegenvorschlag zur Anti-Stau-Initiative der SVP abgestimmt. Dieser will etwa das Gleiche wie die Mobilitäts-Initiative in St. Gallen. Warum müssen wir Zürich immer zehn Jahre hinterherhinken?

Die Regierung in Zürich hat eine links-grüne Mehrheit, Herr Brunner.

Das stimmt. Aber sie ist beweglich. Das liegt vielleicht daran, dass in Zürich mit Filippo Leutenegger ein bürgerlicher Einzelkämpfer den Stadtrat aufmischt.

Dann wären Sie also der Filippo Leutenegger von St. Gallen?

Ja, genau.

Zurück zum Verkehr. Sie selber fahren nicht Auto; Sie sind auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Ist der ÖV in St. Gallen gut ausgebaut?

Nein. Wir brauchen einen besseren ÖV. Es gibt Quartiere, die sind nur rudimentär erschlossen, vor allem in der Nacht und am Sonntag. Ich bin auch für sichere Velowege, aber ich bin dagegen, dass der motorisierte Individualverkehr abgewürgt wird. Es braucht ein Nebeneinander aller Verkehrsmittel. Der Verkehr muss lediglich sinnvoll organisiert sein. Ich bin auch gegen die Aufhebung von Parkplätzen an der Langgasse, denn das zöge dort ein Lädelisterben nach sich.

Ein Ausbau des ÖV kostete Geld, und die SVP drückt hier auf die Bremse. Solche Ausgaben müssen getätigt werden. Ich bin für die Energiewende; auch für sie sind grosse Investitionen nötig. Aber wir müssen genau hinschauen. Den Ausbau des Fernwärmenetzes für 65 Millionen halte ich zwar für riskant, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ein grosser Brocken beim Aufwand im Etat der Stadt und ein Dorn im Auge der SVP sind die Sozialkosten.

Wer unverschuldet in Not gerät, dem muss geholfen werden vom Staat. Das ist meine feste Überzeugung. Ich ticke da ein wenig anders als das Gros meiner Partei, der SVP. Es gibt ganz wenige, die das System oder den Sozialstaat aus­nützen. Die allermeisten Sozialhilfeempfänger sind tatsächlich auf unsere Hilfe angewiesen. Hilfe heisst für mich aber nicht Sackgeld verteilen. Wir müssen diese Leute in die Selbstständigkeit zurückführen. Sackgeld ist etwas für Kinder, nicht für erwachsene Menschen.

Das Sozialwesen in der Stadt funktioniert Ihrer Meinung nach richtig?

Es sind nicht die armen Leute, die uns viel Geld kosten; es sind die vielen Angestellten, die im Sozialwesen arbeiten. Ich bin auch hier für schlanke Strukturen und pragmatische Lösungen, vor allen Dingen bei der Wiedereingliederung.

Haben Sie ein gutes Beispiel?

Die Projektwerkstatt, die wegen unkluger Vergabekriterien vom Kanton bald kein Geld mehr bekommt. Ein Jammer. Hier wird gute Arbeit geleistet, Arbeitslose werden mir dem Reparieren von Velos fit gemacht für den Arbeitsmarkt.

Vor knapp drei Wochen wurde in der Innenstadt ein junger Mann erstochen. Ist St. Gallen noch sicher?

Auf jeden Fall. Es braucht nicht mehr Polizisten. Diese schreckliche Tat konnte von niemandem verhindert werden. Sicherheit ist für mich ein umfassender Begriff; soziale Sicherheit gehört dazu. Aber ich meine auch, dass sich die allermeisten Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt subjektiv sicher fühlen.

Sie haben die Bregenzer Festspiele besucht. Ist Ihnen das kulturelle Angebot St. Gallens nicht gut genug?

Doch. Ich besuche auch das Theater St. Gallen oder die Festspiele. Früher erlebte ich noch das «Africana». Bei der Kulturförderung bin ich auf der gleichen Linie wie Juso-Kandidat Andri Bösch: Institutionen wie die Grabenhalle oder das Palace müssen noch stärker finanziell unterstützt werden von der Stadt.

Mehr Geld für die Kultur. Das klingt gar nicht nach SVP. Ihre Partei fordert einen tieferen Steuerfuss.

Der Steuerfuss muss runter. Das geht trotz Energiekonzept 2050, trotz Kul­turförderung, trotz Sozialhilfe. Wenn ­ die Stadt wachsen will, muss sie beim Steuerfuss konkurrenzfähig sein. Tiefere Steuern erreicht man durch transparentere Abläufe in der Verwaltung. Der Steuerfuss ist nicht der einzige, aber ein ganz wichtiger Parameter für das angestrebte Wachstum der Stadt St. Gallen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.