Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WAHLEN: «Die Stadt muss die Frauen fördern»

Die 49-jährige Ingrid Jacober kandidiert für die Grünen als Stadträtin. Im Interview sagt sie, wieso sie sich für Frauen in der Stadt einsetzt, wieso sie gegen Individualverkehr ist und wieso Grünflachen schützenswert sind.
Christoph Renn
Ingrid Jacober, Stadtratskandidatin für die Grünen, gibt sich kämpferisch. (Bild: Jil Lohse)

Ingrid Jacober, Stadtratskandidatin für die Grünen, gibt sich kämpferisch. (Bild: Jil Lohse)

Christoph Renn

christoph.renn@tagblatt.ch

Ingrid Jacober, Sie sind politisch noch ein relativ unbeschriebenes Blatt. Rechnen Sie sich echte Chancen auf einen Sitz im Stadtrat aus, oder wollen Sie bloss die Themen der Grünen aufs Tapet bringen?

Meine Kandidatur ist sicherlich keine Alibiübung. Ich trete am 24. September an, um einen Sitz im Stadtrat zu erobern. Dass dabei die Themen der Grünen zum Gespräch werden, ist ein schöner Nebeneffekt.

Wieso werden Sie die anderen Kandidaten ausstechen?

Frauen sind angesagt im Stadtrat und Grün ebenfalls. Noch nie hat es jemand von den Grünen in den Stadtrat geschafft. Es ist sicherlich an der Zeit. Aus über 15 Jahren sozialer Arbeit in St. Gallen weiss ich, wo die Leute der Schuh drückt. Ich kenne die Bedürfnisse der Kinder, Jugendlichen, der Familien und Erwachsenen . Auch aus meiner freiwilligen Arbeit im Tschudiwies-Quartier weiss ich, was Menschen in St. Gallen bewegt, wohin sich die Stadt entwickeln kann und muss.

Wohin würde St. Gallen denn mit Ingrid Jacober gehen?

Die Stadt wird qualitativ wachsen. Konzepte für die bessere Vereinbarung von Arbeit und Familie werden mit Nachdruck verfolgt. Bewährtes soll mit Elan fortgesetzt werden, wie die Aufenthaltsqualität der Drei Weieren. Neues soll gewagt werden wie das Lattich-Quartier im Güterbahnhof-Areal oder die Brache Lachen. Die Quartiere werden mit ­Leben erfüllt. Ich setzte mich für die Anliegen der ganzen Bevölkerung ein, für die ­Natur und speziell für die Anliegen der Frauen. Und St. Gallen braucht atmende Lebensräume mit Bäumen und Pflanzen und keinen Mehrverkehr.

Sie sprechen die Mobilitäts-­Initiative an.

Wir sprechen lieber von der Auto-Initiative. Ich bin klar dagegen. Ich bin gegen eine Teilspange am Güterbahnhof und gegen die 3. Röhre durch den Rosenberg. Es darf nicht noch mehr Autos in der Stadt geben. Im Gegenteil. Ich setze mich klar für eine Plafonierung des Individualverkehrs ein. Der Fuss- und Veloverkehr müssen gestärkt werden, wie auch der öffentliche Verkehr.

Also sind Sie nicht zufrieden mit dem ÖV-Angebot in der Stadt?

Doch, der öffentliche Verkehr ist in St. Gallen gut und fast alle Quartiere sind erschlossen. Jedoch haben sich in den vergangenen Jahren die Preise schleichend erhöht. Das darf nicht passieren. Es braucht auch hier innovative Ideen, wie beispielsweise ein 24-Stunden-Ticket zum jetzigen Tageskartenpreis oder eine günstige 9-Uhr-Karte für die VBSG. Die Stadt muss dringend Anreize schaffen, damit immer mehr Leute vom Auto auf den ÖV umsteigen. Ich sehe den Ruckhaldentunnel als eine grosse Chance. Autos werden durch solche Projekte je länger, je mehr überflüssig in der Stadt. St. Gallen soll autofreie Quartiere fördern. Dann wäre auch die Diskussion um die Parkplätze überflüssig.

Parkplätze in der Stadt sind also nichts für Ingrid Jacober?

In der Innenstadt sind wir mit dem bestehenden Parkhaussystem gut ausgestattet. Wenn es jedoch vereinzelte Parkplätze für Menschen mit einer Behinderung gibt, bin ich natürlich dafür. Ich bin auch der Meinung, dass die Umsätze der Geschäfte in der Altstadt nicht zurückgehen, nur weil die Parkplätze auf dem Marktplatz aufgehoben werden, wie oft argumentiert wird. Im Gegenteil. Das eröffnet die Chance, dass der Marktplatz ein lebendiger Ort wird, auf dem man sich bewegen kann, ohne immer Angst haben zu müssen, dass von hinten ein Auto nahe heranfährt.

Obwohl das Union-Parkhaus nicht gebaut wird?

Ja. Ein Blick auf die digitalen Anzeigetafeln verrät, dass es ausser am Olma-Wochenende immer freie Plätze gibt. Es gibt andere Konzepte, die viel sinnvoller sind als Autos, in denen meist nur eine Person fährt und welche die meiste Zeit herumstehen.

An welche Ideen denken Sie?

Dass Fahrzeuge beispielsweise von mehreren Personen gemeinsam genutzt werden. Das ist viel effizienter. So lebe auch ich. Ich wohne selbst in einem Genossenschaftshaus mit einem Mobility-Auto vor der Tür. Das sind Konzepte, die in die richtige Zukunft gemäss Energiestrategie 2050 lenken und die Stadt St. Gallen unterstützen sollte. Oder die sogenannten Cargo-Velos. Bereits jetzt können sie bei einigen Geschäften in der Stadt gemietet werden, um den Einkauf mit dem Velo nach Hause zu fahren oder liefern zu lassen.

Um solche Projekte zu fördern, braucht die Stadt jedoch Geld. Eine Steuersenkung wird dann schwierig.

Im Moment ist für mich eine Steuerfusssenkung sowieso kein Thema. Es stehen zu viele wichtige Projekte an. Zudem sollten wir zuerst die Schulden abbauen.

Welche Projekte sprechen Sie an?

Nebst dem Umbau zu einer 2000-Watt-Gesellschaft steht für mich die Ver­einbarkeit von Familie und Beruf an ­oberster Stelle. Ein Schritt in die richtige Richtung ist der Ausbau der familienergänzenden Tagesbetreuung. Dieses Angebot muss dringend flächendeckend erweitert werden. Auch hier haben sich jedoch, wie beim öffentlichen Verkehr, Preiserhöhungen eingeschlichen. So ist der Geschwistertarif abgeschafft worden, und der Preis wird seit kurzem nach dem Vermögen berechnet. Es kann ­jedoch nicht sein, dass sich eine junge Mutter überlegen muss, ob es sich lohnt, arbeiten zu gehen und das Kind betreuen zu lassen, oder ob es billiger ist, zu Hause zu bleiben. Den Staat und auch die Männer kommt es teuer zu stehen, wenn gutausgebildete Frauen im Arbeitsmarkt nicht berücksichtigt werden. Zudem stehen Schulhaussanierungen an. Vorher darf über eine Steuersenkung nicht diskutiert werden.

Reicht die Tagesbetreuung, um die Chancen der Frauen zu erhöhen?

Nein. Es ist ein Anfang. Es braucht neue Formen, um Frauen, aber auch Männer, die Verantwortung in der Familie übernehmen, in die Berufswelt einzubinden. Die Stadt hat gute erste Schritte unternommen und Führen als Teilzeitaufgabe ermöglicht. Doch in Kaderpositionen und eben auch in der Politik sind sie noch immer untervertreten. Deshalb bin ich für die Einführung von Quoten und vor allem attraktiven Teilzeitangeboten.

Die Stadt soll aber nicht nur attraktiver Arbeits-, sondern auch Wohnort für Familien sein?

Genau. Denn ich bin überzeugt, dass Familien Leben in eine Stadt bringen. St. Gallen muss also erreichen, für Familien gute Arbeitsplätze, aber auch eine hohe Lebensqualität bieten zu können. Auch im Stadtzentrum.

Wie kann St. Gallen dann als Wohnort noch attraktiver werden?

Sicherlich müssen die Grünzonen geschützt werden. Hier hat sich das Gartenbauamt in den vergangenen Jahren stark verbessert. Familiengartenareale müssen erhalten bleiben. Die Mieten für Geschäfte in der Innenstadt müssen sinken, damit wieder kleinere Geschäfte einziehen können und nicht nur grosse internationale Ketten. Die Quartiere müssen mit kreativen Ideen belebt werden. Ich denke da beispielsweise an gute Zwischennutzungen wie im Güterbahnhof oder an quartierbelebende Ideen für das ehemalige Schulhaus Tschudiwies, wo die Gründung eines Gemeinwesenzentrums im Gespräch ist.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.