Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WAHLEN: "Die Stadt darf auch laut und dreckig sein"

Juso-Präsident Andri Bösch kandidiert als 20-Jähriger für die Stadtregierung. Im Interview sagt er, was die jungen Stadtbewohner beschäftigt, warum er sich in St.Gallen sicher fühlt, und warum es sicher keine A1-Teilspange braucht.
Roger Berhalter
"Alle sollen an der Stadt St.Gallen teilhaben können", sagt Stadtratskandiat Andri Bösch. (Bild: Jil Lohse)

"Alle sollen an der Stadt St.Gallen teilhaben können", sagt Stadtratskandiat Andri Bösch. (Bild: Jil Lohse)

Andri Bösch, Sie sind erst 20 Jahre alt, kandidieren aber schon für die Stadtregierung.Wollen Sie den Laden nur aufmischen, oder meinen Sie es ernst?
Warum sollte ein 20-Jähriger nicht Stadtrat werden? Auch in meinem Alter kann ich beurteilen, ob etwas gerecht ist oder nicht und was die Konsequenzen sind. Dafür brauche ich keine Führungserfahrung. Ich nehme die Kandidatur ernst und mache das nicht zum Spass. Ein bisschen aufmischen möchte ich aber schon auch. Ich will die Anliegen der jungen Stadtbewohner einbringen und sagen, was die junge Generation denkt.

Was denkt sie denn?
Viele junge St.Gallerinnen und St.Galler fragen sich, ob sie hier eine Zukunft haben. Wer nicht Wirtschaft oder Recht studieren möchte, muss in eine andere Stadt ziehen. Die meisten bleiben dann auch weg. Auf diese Weise verliert St.Gallen viele gute Ideen, Potenzial und Know-how. Dabei ist St.Gallen doch eine tolle Stadt!

Was macht St.Gallen so toll?
Die Stadt hat eine gute Grösse. Sie ist einerseits familiär, man kennt sich. Anderseits bietet sie doch auch eine gewisse Anonymität. Da ist das vielseitige Kulturangebot: genossenschaftlich geführte Betriebe wie der Schwarze Engel oder die Tankstell, dann die Militärkantine, der Talhof, das Palace, die Grabenhalle. Mit dem Rümpeltum gibt es sogar einen radikal antikapitalistischen Ort. Und es gibtNaherholungsgebiete wie die Drei Weieren.

So weit klingt alles sehr positiv. Sie beklagen aber auch die Abwanderung von Subkulturen und die Gentrifizierung. Wie meinen Sie das konkret?
Das Bedürfnis nach Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung wird in St.Gallen überbetont. Aber die Stadt darf auch laut und dreckig sein, das gehört ebenfalls dazu! Leider wird dem wenig Verständnis entgegengebracht. Nehmen wir das Rümpeltum, das wohl bald zügeln muss. Die Stadt bietet zwar halbherzig Hand bei der Suche nach einem Standort. Aber im Zentrum wird das Lokal kaum bleiben können. Oder nehmen wir das Quartier Linsebühl, das schleichend aufgewertet wird.

Warum soll das schlecht sein?
Eine Aufwertung bedeutet eben meist auch, dass danach Menschen verdrängt werden, weil beispielsweise die Mieten steigen. Die Situation ist zwar nicht zu vergleichen mit jener in Zürich, aber auch bei uns versuchen Investoren, zu sanieren und aufzuwerten. Die Stadt darf aber nicht nur für die da sein, die es sich leisten können. Alle sollen an ihr teilhaben können, das ist eines meiner Hauptanliegen.

Ist das heute noch nicht der Fall?
Nicht überall. Es gibt auch zu wenig Austausch zwischen den wohlhabenderen Quartieren am Hang und jenen im Tal. Da sehe ich die Gefahr einer Ghettoisierung. Dabei braucht es mehr Durchmischung, sei das zwischen den Generationen, aber auch zwischen Arm und Reich. Denn dann findet auch ein Austausch statt, und Integration wird möglich.

Sie fordern mehr Fördergelder für kleine Kulturanlässe und -institutionen. Warum?
Mich stört vor allem das Verhältnis, wie die Gelder verteilt werden. Die sehr, sehr grosse Mehrheit des Geldes fliesst in das Theater, den Rest müssen sich alle kleinen Anlässe und Institutionen teilen. Das zwingt diese, kommerzieller zu programmieren, als sie es eigentlich wollen, sprich: Partys zu veranstalten statt Kultur. Es braucht auch mehr Orte ohne Konsumzwang. So wie die Grabenhalle, wo man sein eigenes Bier mitbringen darf. Kein Wunder, gibt es heute diese «Vorglühkultur»: Die jungen Stadtbewohner werden in den öffentlichen Raum verdrängt und müssen ihr Bier im Park trinken – dort aber stören sie ebenfalls wieder und werden weggewiesen.

Wie würden Sie das Problem lösen?
Als Erstes würde ich den Wegweisungsartikel aufheben.Es geht nicht,dass Leute verjagt werden, weil sie angeblich stören.Der öffentliche Raum muss konsequent für alle da sein. Warum soll ein Randständiger nicht auf einem Bänkli im Park sitzen dürfen?

Fühlen Sie sich in der Stadt eigentlich sicher?
Ja, sehr sicher. Ich gehe seit zwei Jahren fast jedes Wochenende hier in den Ausgang. Mit ist noch nie etwas passiert.

Kürzlich wurde in der Marktgasse ein Mann niedergestochen. Hätte man das mit mehr Polizeipräsenz verhindern können?
Nein, so etwas lässt sich leider kaum verhindern. Mit der Polizeipräsenz ist es so eine Sache. Ich habe keine Studie gesehen, die beweist, dass mehr sichtbare Polizisten das subjektive Sicherheitsgefühl erhöhen. Ähnlich ist es mit der Videoüberwachung: Kameras im öffentlichen Raum können zwar helfen,Verbrechen aufzuklären. Ich bezweifle aber, dass sie auch Verbrechen verhindern.

Reden wir noch über die Mobilitäts Initiative.
Ich nenne sie lieber die Stau-Initiative. Oder die Auto-Initiative.

Sie sind also dagegen. Warum?
Ach, das sind doch Verkehrskonzepte, die so was von überholt sind! Eine fortschrittliche Verkehrspolitik setzt nicht auf den Individualverkehr. Das sieht man auch in St.Gallen: Dank verschiedener Massnahmen hat der Autoverkehr in den vergangenen Jahren kaum mehr zugenommen. Da ist man auf dem richtigen Weg.

Sie wollen aber noch weiter gehen. Sie fordern eine autofreie Stadt.
Ja. Nur schon deshalb, weil der Platz in der Stadt beschränkt ist. Ein Auto nimmt einfach zu viel Platz weg! Übrigens auch ein Elektroauto. Die Elektromobilität allein kann nicht die Lösung sein.

Sondern?
Erstens darf man nicht vergessen: Die Distanzen in St.Gallen sind nicht gross, vieles lässt sich zu Fuss erreichen. Zweitens gilt es, die Stadt velofreundlicher zu machen. Drittens setze ich auf den öffentlichen Verkehr mit Bussen und einem städtischen Tram.

Dann halten Sie wohl auch nicht viel von einem neuen Autobahnanschluss im Güterbahnhof-Areal?
Nein, sicher nicht! Wird die Teilspange gebaut, wird Autofahren wieder attraktiver, und bald haben wir wieder ein Stau- und Platzproblem. Ich gehe gerne ins Lattich-Quartier am Güterbahnhof. Es ist toll,was für Kultur dort im Moment passiert.Wie schade wäre es, dort einen Autobahnanschluss zu bauen, das will doch niemand! Und reden wir mal von den Kosten: Mit dem Geld, das die Teilspange, der neue Autobahnanschluss und die dritte Tunnelröhre für die Stadtautobahn kostet, könnten wir fast alle Probleme der Stadt lösen und obendrauf noch die Kultur im Lattich für 100 Jahre finanzieren.

Apropos Geld: Stimmt es, dass Sie sich eine Steuersenkung vorstellen könnten?
Nein, das stimmt nicht. Eine generelle Steuersenkung kommt für mich nicht in Frage,weil sie unsolidarisch ist. Wer wenig oder normal verdient, profitiert davon kaum, hingegen profitieren einige wenige Wohlhabende enorm. Diese Steuermillionen fehlen dann wieder, um sinnvolle Investitionen zu tätigen. Eine Steuersenkung kann deshalb nicht nachhaltig sein.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.