WAHLEN: Der Kandidat mit der Kanone

Roland Uhler ist seit zwanzig Jahren Chefkanonier am Kinderfest. Der Stadtratskandidat der Schweizer Demokraten hat eine Vorliebe für alte Kanonen, Knall und Rauch.

Christina Weder
Drucken
Teilen
Stadtratskandidat Roland Uhler in seinem Wohnzimmer im Quartier Schoren. (Bild: Urs Bucher)

Stadtratskandidat Roland Uhler in seinem Wohnzimmer im Quartier Schoren. (Bild: Urs Bucher)

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Wenn es knallt und raucht, ist Roland Uhler in seinem Element. Er hat eine Schwäche für alte Kanonen, für Sprengstoff und für Uniformen. Wenn Pulverrauch in seine Nase steigt, hat das auf ihn dieselbe belebende Wirkung wie auf andere eine Tasse dampfenden Kaffees. «Ja, ich bin ein bisschen ein Militärfreak», sagt er. Der 51-Jährige präsidiert den Artillerieverein St. Gallen sowie die kantonalen und städtischen Schweizer Demokraten. Und er kandidiert für den St. Galler Stadtrat.

In seinem Wohnzimmer im Schorenquartier macht er einen harmlosen, ja friedlichen Eindruck. Er löffelt Instantkaffee in eine Tasse, schenkt Wasser ein und reicht den Zucker. Auf dem Boden stehen Puppenwagen und Kisten mit Spielzeug. An den Wänden hängen Medaillen von Waffenläufen und Fotos der Familie. Uhler ist im Schoren aufgewachsen und hat das Quartier nie verlassen. Fünfmal ist er umgezogen – immer in einem Radius von 500 Metern.

Genossenschafter mit Grossfamilie

Heute ist er Präsident des Quartiervereins Dietli-Hölzli-Schoren und wohnt in einem Reihenhaus der Eisenbahner-Baugenossenschaft St. Gallen. Er habe sich immer zehn Kinder gewünscht, erzählt er. Ganz so viele sind es nicht geworden. Seine Patchworkfamilie zählt immerhin sieben Personen: Uhler, seine beiden 16- und 18-jährigen Söhne aus erster Ehe, seine Frau und deren 26-jährige Tochter mit zwei eigenen kleinen Kindern.

Uhlers Söhne machen derzeit eine Lehre als Metzger und als Schreiner. Er selbst ist gelernter Bäcker, arbeitet aber schon länger in der Logistik. Seine Frau ist im Verkauf tätig. Für die Büezer will sich Uhler auch einsetzen. «Es braucht einfache Leute – nicht nur Akademiker», lautet sein Slogan. Dass er im Wahlkampf um den vakanten Stadtratssitz als Aussenseiter gilt, stört ihn nicht. Sein Fernziel ist es, den Sitz im Stadtparlament zurückzuerobern, den er im Jahr 2000 eingebüsst hatte. Die Abwahl von damals lässt ihm bis heute keine Ruhe.

Zuschauen, wie die Lunte brennt

Uhler trägt Hemd und Jeans. Sein Militärgurt ist ein Statement. «Ich befürworte eine starke Armee», sagt er und nimmt einen kräftigen Schluck Kaffee. Woher diese Überzeugung kommt, weiss er selber nicht so genau. Seine Mutter habe im Zeughaus gearbeitet, erzählt er. Als 15-Jähriger sei er den Schweizer Demokraten beigetreten.

Die Faszination für Schall und Rauch hat ihn nie losgelassen. Ihr widmet er seine ganze Freizeit. Uhler sammelt nicht nur allerhand «Militärzeug» wie Uniformen, Hüte und Helme, die er auf dem Estrich lagert. Er übt sich auch als Feldschütze, wirft Hagelabwehrraketen ab und feuert aus alten Kanonen. Seit über 20 Jahren ist er Chefkanonier am St. Galler Kinderfest. Auch am Barbara-Tag, dem 4. Dezember, ist er dafür verantwortlich, dass es in der Stadt böllert. Zusammen mit den Mitgliedern des Artillerievereins zündet er auf dem Klosterplatz die kleine Kanone, genannt Napoleon, gegossen 1793. «Dabei zuzuschauen, wie die Lunte brennt und es einen grossen Knall gibt, ist einfach unbeschreiblich», sagt Uhler. Einmal feuerte die Kanone verzögert ab. Seither leidet er an einem Ohrenpfeifen.

Uhler schiesst nicht nur, er ist auch ein leidenschaftlicher Waffenläufer. Seine Laufzeiten weiss er auf die Sekunde genau auswendig, obwohl sein Ehrgeiz Grenzen kennt. Er trainiere nicht gross für die Läufe, sagt er – ganz der Überzeugung: «Wer eine Stunde joggen kann, hält auch 100 Kilometer durch.» Am Wochenende vor der Stadtratswahl läuft er sich sozusagen warm: am Frauenfelder Waffenlauf.