Wächter der verlorenen Dinge

Puppen, Hörgeräte, Schirme: Alphonse Schmutz hat dafür gesorgt, dass die St. Galler zurückbekamen, was sie verloren glaubten. 41 Jahre lang hat er bei der Stadtpolizei gearbeitet, davon 16 auf dem Fundbüro. Nun geht er in Pension.

Janina Gehrig
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Bis 70 Regenschirme sammeln sich jeden Monat im städtischen Fundbüro an. Alphonse Schmutz hat viele an die Eigentümer zurückgegeben. (Bild: Urs Bucher)

Bis 70 Regenschirme sammeln sich jeden Monat im städtischen Fundbüro an. Alphonse Schmutz hat viele an die Eigentümer zurückgegeben. (Bild: Urs Bucher)

Er sei bald ein Juwelier, sagt Alphonse Schmutz und zeigt im Fundbüro schmunzelnd auf eine Kiste voller Halsketten, Ringe und Armreifen. In 34 Schubladen lagern weitere Fundgegenstände: Rucksäcke, Brillen, Schlüssel, Hörgeräte, Puppen, Hundeleinen und Velohelme. «Alles wird abgegeben», sagt Schmutz, immer wieder und manchmal kopfschüttelnd, während er das Schubladensystem rauf- und runterfahren lässt. 41 Jahre lang hat Alphonse Schmutz für die Stadtpolizei gearbeitet, die letzten 16 auf dem Fundbüro an der Vadianstrasse 57. Per Ende Juni ist er pensioniert worden.

Schichtarbeit und Jubiläumsjob

In die Ostschweiz gekommen ist der gebürtige Freiburger als Neunjähriger. Um in seinen Schulferien bei einem Gossauer Bauern als Gehilfe zu arbeiten. Und ist geblieben. «Wir waren sieben Kinder zu Hause. Meine Eltern waren froh darum.» 1970 hat er die Polizeischule absolviert. Nach dem dortigen intensiven Turn-, Box- Judo- und Schwimmunterricht sei er «zwäg» gewesen für den Schichtdienst bei der Stadtpolizei.

25 Jahre lang war er in diesem beschäftigt. «Schlimm waren die Krankentransporte, welche damals noch von der Polizei durchgeführt wurden», sagt Schmutz. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte er 1995 zum Fundbüro. Eine dankbare, vielseitige Aufgabe habe er hier gehabt. «Einen <Jubiläumsjob>, haben meine Arbeitskollegen manchmal gescherzt.»

Spuren von Olma und OpenAir

Etwa 300 Gegenstände würden im Monat auf dem Fundbüro abgegeben. Am häufigsten Portemonnaies, Schirme und Natels. Und jeder Anlass in der Stadt hinterlasse seine eigenen Spuren – und führe danach zu Telefonanrufen im Minutentakt. «An der Olma sammeln sich in zehn Tagen bis zu 50 Jacken auf dem Fundbüro an.» Nach dem OpenAir sind es Campingstühle und Schlafsäcke, nach dem Musikfest ein Trompetendämpfer und ein Blasinstrument. An Weihnachten hat Schmutz auch schon fremde Geschenke ausgepackt. Nicht aber um sie zu behalten, sondern lediglich, um deren Inhalt zu erfassen. Einmal habe ein Mann eine Tasche mit 16 000 Franken und einem Laptop abgegeben. «Das gab einen schönen Finderlohn.» Im Vergleich zu früher würden heute sehr viel mehr technische Geräte abgegeben, und oftmals nicht mehr abgeholt. «Anscheinend geht's den Leuten zu gut. Die denken: <Dann kauf ich mir halt etwas Neues>», sagt der zweifache Grossvater. Die Gegenstände bleiben drei Monate lang auf dem Fundbüro. Danach geht Brauchbares in die Gant, der Rest wird «liquidiert».

«Finderlohn ist Ehrensache»

«Ja, der Herr Schmutz. Die alten Polizisten kennt man noch», sagt ein Tischnachbar im Gartenrestaurant, als Schmutz dort zum Gespräch auftaucht. Den Kontakt mit den Leuten, das werde er schon vermissen, sagt der 62-Jährige. Obwohl er sich manchmal auch geärgert habe. Etwa über jene, die keinen Finderlohn bezahlen wollten. «Das ist doch Ehrensache.» Streng gewesen sei es auch, als das Fundbüro noch mit der Hundekontrolle zusammengelegt war. Und zusätzlich verlassene Tiere am Schalter abgegeben wurden. «Einmal ist mir ein Kanarienvogel aus dem Käfig entwichen», lacht Schmutz. Zum Glück stand kein Fenster offen. «Und wenn man die Hundemarke verloren hat, hat das einen Fünfliber gekostet bei Herrn Schmutz», steuert der Tischnachbar auch eine Erinnerung bei.

Musizieren, wandern, jassen

In den 41 Jahren hat sich der Abtwiler nie überlegt, den Beruf zu wechseln. Jetzt freue er sich aber, pensioniert zu werden, ein Jahr früher als üblich. «Dank meiner sparsamen, häuslichen Frau kann ich mir das leisten.» Langweilig werde es ihm bestimmt nicht. «Ich lerne jetzt Keyboard spielen», sagt er. Das Notenlesen könne er noch von der Zeit in der Polizeimusik, als er Flügelhorn gespielt habe. Und seine dunkelblauen Polizeihosen, die trägt er jetzt, wenn er seiner Frau beim Gärtnern hilft. Ansonsten treffe man ihn nun auf Wanderungen im Alpstein oder beim Jassen an. Er könne sich nicht daran erinnern, je etwas verloren zu haben. «Da passe ich auf wie <ein Heftlimacher>», sagt er. Als er seine Sonnenbrille aufsetzen möchte, greift er vergebens in seine Brusttasche. «Die muss ich im Fundbüro liegen gelassen haben», sagt er und kehrt noch einmal an seinen alten Arbeitsplatz zurück.