VORWÜRFE: Kantonsrat prüft Fall Reichle

Zwei Kommissionen des St.Galler Kantonsparlaments untersuchen die Vorwürfe an GBS-Rektor Lukas Reichle. Derweil weist die Berufsfachschulkommission alle Kritik zurück.

Marcel Elsener, Regula Weik
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GBS-Schulräume im Riethüsli: Die Vorwürfe an den Rektor betreffen mehrere Abteilungen. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 19. April 2017))

GBS-Schulräume im Riethüsli: Die Vorwürfe an den Rektor betreffen mehrere Abteilungen. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 19. April 2017))

Marcel Elsener, Regula Weik

ostschweiz

@tagblatt.ch

Nun ist im Fall der massiven Kritik an die Adresse des Rektorsdes Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen (GBS) offiziell die Politik am Zug: Die Staatswirtschaftliche Kommission des Kantonsrates ist wie die Finanzkommission der Meinung, dass die Vorwürfe untersucht werden müssen (Ausgaben vom 25. und 29. April). Die Staatswirtschaftliche Kommission hat das Thema gestern an ihrer ordentlichen Sitzung diskutiert und beschlossen, «die Einladung der Finanzkommission zur Aussprache anzunehmen», sagt Präsident Felix Bischofberger.

Demnach wird sich eine vierköpfige Delegation mit Vertretungen aller vier Fraktionen an der «gemeinsamen Auslegeordnung» des Falles beteiligen. Dies soll noch im Mai an einer Sitzung mit den «Betroffenen» geschehen, also mit dem Rektor, Ver­tretern der Berufsfachschulkommission sowie der Departemente Bildung und Finanzen. «Wir wollen die politische Verantwortung wahrnehmen, ohne uns von der anonymen Urheberschaft instrumentalisieren zu lassen», sagt ­Bischofberger. «Die Ausgangs­lage ist offen, und es gilt die Unschuldsvermutung.»

Verwaltungsabläufe und Aufsichtsfragen im Fokus

Das Vorgehen sei ähnlich wie bei früheren Prüfungen etwa zum Konfliktmanagement der Staatsverwaltung; dabei werde der «Bericht Werren» beigezogen. An­dreas Werren, Berater für Unternehmensentwicklung, hatte im Auftrag des Bildungsdepartements die nun erneut in die Kritik geratenen Strukturen bei den Berufsschulen untersucht.

Die Federführung der Un­tersuchung obliegt der Sub­kommission Bildung der Finanz­kommission, präsidiert von SP-Kantonsrätin Laura Bucher. Die Staatswirtschaftliche Kommission werde die Fragen zu Ver­waltungsabläufen, Aufsicht und den – schon früher zur Sprache ­gebrachten – Personalumfragen einbringen. Wer in der Gruppe Einsitz nimmt, gibt Bischofberger nicht bekannt; der Kommissionspräsident und CVP-Kantonsrat wird selber jedenfalls mitwirken. Dass er als Postunternehmer und Logistiker seit drei Jahren Mitglied der Berufsfachschulkommission Rorschach ist, betrachtet er nicht als heikel, sondern als «Vorteil»: «Ich kenne die Aufgaben der Berufsfachschulkommissionen, und Rorschach ist unabhängig von der GBS.»

Seine Kommission habe die Frage der Urheberschaft kritisch diskutiert, sagt Bischofberger. Trotz des Grundtenors, dass «anonyme Vorwürfe nicht beachtet werden dürften», sei für die Mehrheit klar gewesen, «dass einige Punkte uns als Stawi betreffen könnten». Angesichts der Dynamik des Falls würde man sich sonst dem Vorwurf aussetzen, nicht hingeschaut zu haben.

Die Berufsfachschulkommission des GBS sei «tief betroffen über die Art und Weise von Aufnahme und Bearbeitung der Vorwürfe einer anonymen Urheberschaft gegen Rektor Lukas Reichle». Diese Worte fallen sehr rasch im Gespräch mit Kommissionspräsident Gian Bazzi. Die Vorwürfe waren der Auslöser für eine Sitzung der Kommission (Aus­gabe von gestern). Auf die Frage, welche Anschuldigungen sie konkret besprochen habe, antwortet Bazzi: «Wir haben Fragen der Kommissionsmitglieder zu den Vorwürfen im anonymen Schreiben diskutiert und geklärt.»

Adressaten des Schreibens waren weder die Berufsfachschulkommission noch der Rektor, sondern der Präsident der Finanzkommission; Kopien gingen an drei Kantonsräte, die Lehrervertreter in der Berufsfachschulkommission und an unsere Zeitung. Wie kam die Kommission in den Besitz des Schreibens? Die Lehrervertreter hätten es an den Rektor und dieser wiederum habe es an ihn weitergeleitet, sagt Bazzi. Als Präsident habe er die übrigen Kommissionsmitglieder damit bedient. «Das Schreiben war die Basis unserer Sitzung.»

Zu Fragen, die in der Kommission aufgetaucht sind, und zu den konkreten Abklärungen und Beratungen nimmt Bazzi nicht Stellung. Er verweist auf «die Vertraulichkeit der Kommissionsarbeit». Nur so viel: «Aufgrund einer ganzen Reihe von Grundlagen, Dokumenten, Quellen und Tatsachen sind wir zum Schluss gelangt: Die Kommission steht aufgrund der bekannten Fakten weiterhin geschlossen und uneingeschränkt hinter Rektor Lukas Reichle und seinem Führungsteam.» Und selbst­verständlich habe sich auch der beschuldigte Rektor zu den Vorwürfen äussern können.

«Es gibt Leute, die weniger zufrieden sind»

Die Kommission hat laut Bazzi vollzählig getagt, inklusive Kantons-, Lehrervertreter und Rektorat. Auf die Frage, ob Rektor Reichle während der gesamten Sitzung anwesend gewesen sei, verweist Bazzi auf das «Kommissionsgeheimnis». Waren die Vorwürfe für ihn neu? «Wir verrichten eine strategische Arbeit, da hört man dieses und anderes. Es gibt Leute, die zufrieden sind. Es gibt Leute, die weniger zufrieden sind. Und es gibt Leute, die sich scheinbar instrumentalisieren lassen.» Bazzi steht der Kommission seit knapp zehn Jahren vor.

Die Berufsfachschulkommission ist das Aufsichtsorgan der Schulleitung. Vergangene Woche hatte Bildungschef Stefan Kölliker gegenüber unserer Zeitung eingeräumt, Führung und Beaufsichtigung der Berufsfachschulen funktionierten «suboptimal» – «aufgrund von Unklarheiten bei der Abgrenzung der Zuständigkeiten» von Kommission und Departement. Wie beurteilt Bazzi die Arbeit der Kommission? «Das Modell funktioniert seit einiger Zeit, es ist erprobt und funktioniert gut und störungsfrei. Es ist natürlich legitim, das Modell zu überprüfen, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen zu klären, zu schärfen und bei Bedarf neu abzugrenzen. Diese Arbeiten sind bereits aufgenommen.»

Bazzi hält aber fest: Die aktuellen Ereignisse hätten aus seiner Sicht sachlich nichts mit der generellen Überprüfung der Rolle der Berufsfachschulkommissionen zu tun. Die politische Debatte darüber steht erst noch an.