Vorläufig keine Tagesschulen

Der St. Galler Stadtrat schliesst zwar nicht aus, künftig auch Tagesschulen zu führen. Derzeit will er aber darauf verzichten, Versuche mit dieser Schulform durchzuführen. Dies nicht zuletzt aufgrund der zu erwartenden Mehrkosten.

Reto Voneschen
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Mittagstische für Schulkinder soll es in der Stadt St. Gallen weiterhin als familienergänzendes Betreuungsangebot, nicht aber im Rahmen von öffentlichen Tagesschulen geben. (Archivbild: ky/Gaetan Bally)

Mittagstische für Schulkinder soll es in der Stadt St. Gallen weiterhin als familienergänzendes Betreuungsangebot, nicht aber im Rahmen von öffentlichen Tagesschulen geben. (Archivbild: ky/Gaetan Bally)

Tagesschulen sind Einrichtungen, welche die Kinder auch ausserhalb des Unterrichts, etwa über Mittag oder am Nachmittag betreuen. Die Tagesschule bietet in der Regel durchgängige Betreuung von 7 bis 18 Uhr an. Die Vor- und Nachteile der Einführung von öffentlichen Tagesschulen wird derzeit in der Schweiz an diversen Orten diskutiert. Dies aufgrund von gesellschaftlichen Entwicklungen und nicht zuletzt aufgrund von Forderungen aus der Wirtschaft. Die Stadt Zürich plant jetzt den Versuch «Tagesschule 2025». Geht es nach der St. Galler Stadtregierung, sollen bei uns öffentliche Tagesschulen weiterhin kein Thema sein.

Eine Auslegeordnung

Wieso er gegen einen Tagesschulversuch wie in Zürich ist, erläutert der Stadtrat im Postulatsbericht «Familienergänzende Betreuung von Kindern in der Stadt St. Gallen». Das umfangreiche Papier, das eine Auslegeordnung über diesen Bereich darstellt, liegt derzeit zur Diskussion beim Stadtparlament.

Der Stadtrat will gemäss Bericht am Grundsatzentscheid gegen Tagesschulen von 2003 festhalten. In der damaligen Vorlage ans Parlament ging es um den «Aufbau von Tagesstrukturen für die städtischen Kindergärten und die Volksschule». Die Gründe, die damals gegen Tagesschulen und für alternative Angebote der Kinderbetreuung gesprochen hätten, seien heute noch gültig, hält der Stadtrat im aktuellen Bericht fest.

Flexibler als Tagesschulen

Anders als die Tagesschule mit ihrem verbindlichen Fünf-Tage-Rhythmus liessen sich die teils durch Dritte organisierte Betreuungsangebote – wie Mittagstische, Aufgabenhilfe oder Kindertreff – «individuell auf die Bedürfnisse und Lebensformen der Eltern abstimmen».

Gegen Tagesschulen sprechen für den St. Galler Stadtrat auch ihre Mehrkosten. Ihnen stehe im Vergleich zum heutigen System kein nachgewiesener pädagogischer Mehrwert gegenüber. Im Gegenteil: Anders als in einer Tagesschule werden im ausserschulischen Angebot in St. Gallen konsequent nicht Lehrkräfte (ihr Kerngeschäft ist das Unterrichten), sondern wird Betreuungspersonal (Kerngeschäft Betreuung) eingesetzt.

Das St. Galler Angebot verstehe sich als «familienergänzend». Es lasse Nähe zu zwischen Kindern und Betreuungspersonen, eine eigentliche «Du-Kultur». Die Betreuungsangebote der Tagesschule seien «schulergänzend», womit die Betreuung auf klare Grenzen stosse, heisst es im Postulatsbericht.

Kein Pilotversuch

Aufgrund dieser Überlegungen will der St. Galler Stadtrat in nächster Zeit darauf verzichten, Versuche mit Tagesschulen durchzuführen. Um damit Erfahrungen zu sammeln, müssten Schulhäuser als Tagesschule mit Mittagsobligatorium geführt werden. Dafür wäre ein Pilotprojekt nötig. Die Teilnahme müsste für Eltern freiwillig sein. Um den rechtlichen Anforderungen zu genügen, müsste es zudem möglich bleiben, Kinder jederzeit vom Mittagstisch abmelden zu können. Aufgrund der rechtlichen Vorgaben braucht es für einen Versuch das Einverständnis und Mittun des Kantons. Wollte die Stadt Tagesschulen definitiv einführen, müsste vorher das kantonale Volksschulgesetz angepasst werden.

Entwicklung im Auge behalten

Da für ihn die Vorteile des heutigen Modells gegenüber der Tagesschule weiterhin überwiegen, will der Stadtrat im Grundsatz also keinen Strategiewechsel bei der ausserschulischen Kinderbetreuung vornehmen. Allerdings will er die allgemeine Entwicklung und auch die Resultate des Zürcher Tagesschulversuchs im Auge behalten, um beispielsweise Veränderungen bei den Bedürfnissen rechtzeitig erkennen zu können. Bei der Weiterentwicklung des heutigen Betreuungsmodells soll – «vorab bei räumlichen Entscheiden» – darauf geachtet werden, dass keine Sachzwänge gegen die spätere Einführung von Tagesschulen geschaffen werden.