Vor 81 Jahren am «Semi»

Diese Woche feiert die PHSG ihr Jubiläum «150 Jahre Lehrerbildung auf Mariaberg». Passend zum Anlass hat ein derzeitiger Student eine der ältesten noch lebenden Semi-Abgängerinnen zum Generationen-Austausch getroffen.

Lars Gächter*
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Schwelgt in Erinnerungen. Die 98jährige ehemalige Seminaristin Lisette Diener-Grauer im Gespräch mit Student Lars Gächter. (Bild: Ralph Ribi)

Schwelgt in Erinnerungen. Die 98jährige ehemalige Seminaristin Lisette Diener-Grauer im Gespräch mit Student Lars Gächter. (Bild: Ralph Ribi)

RORSCHACH. In ihrem Sessel hat es sich Lisette Diener-Grauer bequem gemacht, ein Fotoalbum liegt auf dem Beistelltisch. Die 98-Jährige empfängt in ihrem Zimmer des Altersheims Wienerberg in St. Gallen einen 23jährigen Studenten zum Gespräch. Es ist kein gewöhnliches, sondern eines unter Lehrern. Sie, eine ehemalige Seminaristin. Er, derzeitiger Student auf Mariaberg.

Mit Jungen in einer Klasse

Über achtzig Jahre ist es her, seit Lisette Diener ihre Ausbildung zur Lehrperson auf Mariaberg in Angriff genommen hat. Von 1933 bis 1936 habe sie das Lehrerseminar besucht, wenn auch nicht aus einer Überzeugung heraus, sagt sie. «Es war nicht unbedingt mein Traumberuf.» Vielmehr habe sie früher gerne die Schule besucht und dies auch weiterhin tun wollen. Die Erinnerungen an ihre Zeit in Rorschach sind ihr noch immer sehr präsent: «War ich in der Oberstufe noch in einer Mädchenklasse, waren wir im Mariaberg nun mit Jungs zusammen. Das war etwas Neues.» Bei der Anzahl Frauen und Männer, die die Ausbildung absolvieren, hat sich über die Jahrzehnte eine 180-Grad-Wende eingestellt. Zwei Klassen seien es anno dazumal gewesen, sagt Lisette Diener. Ihre Klasse bestand aus 14 Knaben und fünf Mädchen. Heute besuchen rund 700 Studentinnen und Studenten die Hochschule Mariaberg, nur gerade ein Sechstel ist dabei männlich. In ihrem Fotoalbum zeigt die Rentnerin ein damaliges Klassenfoto und Porträts der Professoren. Im Hintergrund ist oft der Kreuzgang oder der Innenhof zu sehen, die heute noch unverändert auf Mariaberg zu bestaunen sind.

Nur drei Wochen Praxis

Angesprochen auf die Unterrichtsinhalte von damals, weiss sie nicht viel Gutes zu berichten: «Es war alles sehr theoretisch, ich hatte nicht das Gefühl, viel mitgenommen zu haben.» Langweilig sei es meist gewesen, besonders der Psychologie- und Geschichtsunterricht. Gerade mal drei Wochen praktische Erfahrung habe sie während der Ausbildung gesammelt. «Heute ist das ja Gott sei Dank anders», sagt sie. Tatsächlich hat der praktische Teil der Ausbildung zugenommen, auch wenn er mit total 19 Wochen für die meisten Studentinnen und Studenten immer noch unterbewertet ist.

Erst mit 50 Jahren unterrichtet

Den Umgang mit Kindern hat Lisette Diener indes nicht im Semi, sondern bei der Pfadi kennen- und schätzen gelernt. Mit Leib und Seele war die Rentnerin über Jahre hinweg engagiert. «Das praktische Handwerk habe ich bei den Pfadern erworben.» Begeistert erzählt sie weiter von ihrer Zeit nach der Ausbildung. Ein Jahr arbeitete sie als Au-pair in Frankreich. Danach lebte sie bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges in England. Unterrichtet an einer öffentlichen Schule hat sie lange Zeit nicht. «Ich habe rund sechs Monate in England einen Versuch gewagt, es klappte aber nicht», sagt sie. Rebellisch und aufmüpfig sei sie schon immer gewesen. «Die Direktoren wollten mir zu viel rein reden, zu oft sagen was ich zu tun hätte. Das passte mir überhaupt nicht.» Erst mit fünfzig Jahren, und aufgrund des herrschenden Lehrermangels, kramte sie ihr erworbenes Lehrerdiplom wieder hervor und unterrichtete bis zu ihrer Pension Unterstufenkinder. «Ich mochte die Kinder, war aber wohl eine strenge Lehrerin», sagt sie und schmunzelt erneut. Probleme mit Eltern, so wie es heute oft der Fall sei, habe es damals wenig gegeben. «Ab und zu kam schon mal einer, aber dem habe ich dann schon meine Meinung gegeigt.» Auf die Frage, welche Ratschläge eine ehemalige Seminaristin einem angehenden Lehrer mit auf den Weg geben würde, sagt die 98-Jährige: «Man muss Kinder gern haben, das ist das A und O. Daneben sollte man einigermassen intelligent und eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten sein.»

*Autor Lars Gächter ist Student an der PHSG in Rorschach.

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