Vor 700 Jahren brannte St. Gallen

Der 23. Oktober 1314 war ein schwarzer Tag für die Stadt St. Gallen. Heute vor 700 Jahren ereignete sich eine Katastrophe: St. Gallen brannte bis auf einige wenige Häuser nieder. Auch das Kloster wurde zerstört. Im Mittelalter ist dies dreimal vorgekommen: 1215, 1314 und noch einmal 1418.

Stefan Sonderegger
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Von den drei grossen mittelalterlichen St. Galler Stadtbränden sind keine Abbildungen überliefert. Stellvertretend zwei Illustrationen aus Chroniken von Diebold Schilling: Links der Berner Stadtbrand von 1405 aus der Spiezer Bilder-Chronik (1485), rechts der Brand der Stadt Aarberg am 3. Mai 1477 aus der grossen Burgunder-Chronik (um 1500). (Bilder: Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen)

Von den drei grossen mittelalterlichen St. Galler Stadtbränden sind keine Abbildungen überliefert. Stellvertretend zwei Illustrationen aus Chroniken von Diebold Schilling: Links der Berner Stadtbrand von 1405 aus der Spiezer Bilder-Chronik (1485), rechts der Brand der Stadt Aarberg am 3. Mai 1477 aus der grossen Burgunder-Chronik (um 1500). (Bilder: Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen)

Was heute von der St. Galler Altstadt erhalten ist, ist im wesentlichen nicht älter als 600 Jahre. Grossflächige Feuersbrünste haben nämlich im Mittelalter die Stadt dreimal verwüstet: Am 2. Mai 1215 brannte sie bis auf wenige Häuser ab, das Kloster blieb aber erhalten. Am 23. Oktober 1314 brannte das Kloster ebenfalls nieder, während von der Stadt selber nur sechs oder acht Häuser verschont blieben. Der letzte Totalbrand wütete am 20. April 1418.

Nur wenig Informationen

Die Informationen, die sich zu diesen Katastrophen erhalten haben, sind dürftig. Am meisten ist zum letzten Brand zu erfahren. In einer Urkunde wird berichtet, dass die Stadt 1418 bis auf 14 Häuser «im Loch», im Gebiet des Gallusplatzes, zerstört wurde. 26 Menschen sollen bei diesem Totalbrand ihr Leben verloren haben. Auch die Vorstadt, die ausserhalb der Stadtmauern lag, war betroffen und damit vermutlich auch die Kirche St. Mangen und das Kloster St. Katharinen. Beim Wiederaufbau wurde die Vorstadt in die Ringmauer einbezogen. Auf alten Plänen ist diese einzige mittelalterliche Vergrösserung der Stadt deutlich zu erkennen. Nach 1418 blieb St. Gallen wohl auch dank der feuerpolizeilichen Massnahmen von Totalbränden verschont.

Am Rand der Kräfte

Ob heute vor 700 Jahren beim zweiten grossen Stadtbrand ebenfalls Menschenleben zu beklagen waren, ist nicht überliefert. Das Ausmass des Schadens dürfte nicht geringer gewesen sein als bei den beiden anderen mittelalterlichen Katastrophen. Dies ist aus einem königlichen Erlass zu schliessen. Der Wiederaufbau nach dem Feuer vom 23. Oktober 1314 scheint die Stadt so stark belastet zu haben, dass sie nicht mehr in der Lage war, die geforderten Reichssteuern zu zahlen. König Friedrich befreite sie daraufhin mit Rücksicht auf diesen Wiederaufbau am 8. April 1315 für fünf Jahre von allen Abgaben.

Ein königlicher Gnadenerlass dieser Art ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Vorfahren am Ende ihrer Kräfte waren. Ohne Hilfe von aussen wäre eine Erholung kaum möglich gewesen. Ob St. Gallen 1314 noch weitere Unterstützung erfahren hat, wissen wir aber nicht. Die Situation könnte ähnlich gewesen sein wie nach dem Brand von 1418. Damals trafen in St. Gallen Beileidsschreiben mit Darlehensangeboten unter anderem aus Konstanz, Ravensburg und Rottweil ein. Nicht zu verzinsende Kredite, Geldspenden und andere nachbarliche Hilfeleistungen an Brandgeschädigte waren noch Jahrhunderte später üblich.

Nur wenige Brandspuren

Einige wenig ergänzende Informationen zu den schriftlichen Zeugnissen liefern die Archäologie und Denkmalpflege. Die Grabungen der St. Galler Kantonsarchäologie in St. Laurenzen etwa haben punktuelle Brandrötungen am Mörtelboden der Kirche festgestellt, die vielleicht mit dem Stadtbrand von 1314 zusammenhängen. Bei der umfassenden Renovation des Komplexes von St. Katharinen in den letzten Jahren hat die Altersbestimmung des Holzes aus dem Dach der alten Klosterkirche ergeben, dass es unmittelbar nach dem Brand von 1418 geschlagen wurde. Was ein Indiz ist, dass St. Katharinen damals ebenfalls vom Feuer betroffen war. Ansonsten haben sich leider wenige Spuren der St. Galler Totalbrände erhalten. Gerne wüsste man auch mehr über die menschlichen Schicksale und die Solidarität mit den Brandopfern. Augenzeugenberichte oder nachträgliche Schilderungen gibt es für das Mittelalter aber nicht.

Der Autor ist Stadtarchivar der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

Der Brand zu St. Mangen im Januar 1830 von Johann Baptist Isenring. (Bild: Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen)

Der Brand zu St. Mangen im Januar 1830 von Johann Baptist Isenring. (Bild: Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen)

Die königliche Steuerbefreiung für St. Gallen vom 8. April 1315. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Die königliche Steuerbefreiung für St. Gallen vom 8. April 1315. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Prospekt für eine Feuerspritze aus dem Jahr 1793. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Prospekt für eine Feuerspritze aus dem Jahr 1793. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

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