Von guten und trügenden Bildern

Bearbeitete Bilder können täuschen, Infografiken können Kompliziertes erklären, und das Gehirn kann Dinge aus Bildern verschwinden lassen. Dies zeigte Professor Martin J. Eppler an der Kinder-Uni der HSG.

Marlen Hämmerli
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An der Kinder-Uni lernten die Dritt- bis Sechstklässler mehr über die Macht von Bildern und machten enthusiastisch beim Unterricht mit. (Bild: pd)

An der Kinder-Uni lernten die Dritt- bis Sechstklässler mehr über die Macht von Bildern und machten enthusiastisch beim Unterricht mit. (Bild: pd)

Fröhliche Kinderstimmen schallen die Treppe hinab und dringen bis zur Universitätsbibliothek. Während unten die Studierenden lernen, warten oben Kinder und Eltern darauf, ins Audimax der HSG eingelassen zu werden. Und dann geht's los: Die Türen öffnen sich, es ist Zeit für die Kinder-Uni.

1000 Worte genügen nicht

Eine Aufwärmübung bringt an diesem Mittwochnachmittag bereits die erste Erkenntnis. Martin J. Eppler, Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der HSG, fordert die Kinder auf, ein Phantasiebild zu zeichnen: «Irgendwas, aber keinen Menschen und kein Haus.» Halbfertig gezeichnet, geben die Kinder das Bild dann an ihren Sitznachbarn weiter. Dieser versucht es zu vollenden. Dies gelingt nicht immer gleich gut. Einige von Eppler eingesammelten Beispiele illustrieren dies. Denn: «Wir können Bilder nicht immer mühelos interpretieren.» Manchmal sage ein Bild mehr als 1000 Worte, aber manchmal brauche es 1000 Worte, um ein Bild zu verstehen.

Das passt auf keine Kuhhaut

Während einige Bilder schwierig zu deuten sind, kann man anderen überhaupt nicht trauen. Welche Fotos aber bearbeitet wurden und damit «lügende» Bilder sind, ist nicht einfach zu erkennen. Dies zeigt der Versuch: Voller Überzeugung rufen die Kinder «Wahr», als Eppler eine Kuh zeigt. Doch plötzlich mischen sich erste «Falsch»-Rufe unter den Chor. Und tatsächlich: Auf dem Fell ist eine Weltkarte abgebildet.

Ein telefonierender Embryo ist schnell als Fälschung entlarvt. Schon trügerischer ist eine SVP-Grafik. Sie zeigt das angenommene Bevölkerungswachstum bis 2030, aufgeteilt nach Schweizern, Eingebürgerten und Ausländern. Doch schnell erkennt ein Mädchen den Fehler: «Die Skala beginnt statt bei null schon bei vier Millionen.» Eppler gibt ihr Recht. Dadurch werde der Eindruck erweckt, der Ausländeranteil übersteige 2030 jenen der Schweizer. «Bilder können täuschen und unfair genutzt werden.» Viele Bilder im Internet seien wie dieses inszeniert. «Traut ihnen nicht!»

Zeichnen hilft beim Denken

Andererseits können Bilder auch nützlich sein. Nicht grundlos könne man neuerdings bei vielen Firmen an die Wände zeichnen. «Bilder helfen beim Denken, Reden und Erklären», sagt Martin J. Eppler. Mit ihnen könne Kompliziertes vereinfacht und leicht verständlich dargestellt werden. Grosses Gelächter löst das erste Beispiel dafür aus: Eine US-amerikanische Waschanleitung illustriert unmissverständlich, dass man ein Baby nicht von oben herab mit einem Gartenschlauch abspritzen sollte.

Als nächstes Beispiel folgt eine Grafik, die ein Auto mit seinen Bestandteilen zeigt. Diese sind detailliert nach ihrem jeweiligen Hersteller aufgeschlüsselt. Solche Infografiken sind mächtig: «Sie laden ein genau hinzusehen, nachzudenken und stellen Dinge so dar, dass sie uns bleiben.»

Das menschliche Hirn trügt

Problematisch sei aber, wenn man Bilder nicht verstehe. Vor allem weil man dies im Gegensatz zu Texten nicht immer merke, sagt Eppler und präsentiert eine Reihe optischer Täuschungen. Da verbirgt sich ein Frauenkopf im Wald und ein Delphin versteckt sich in der Rose. Doch sichtbar werden sie erst, als Eppler zeigt, wo man hinschauen muss. Das liege am Gehirn: Automatisch sucht es nach bekannten Mustern und hält sich an diesen fest. Dadurch sieht man nur bereits Bekanntes, Neues wird übersehen. «Schaut bei jedem Bild genau hin!», rät Eppler den versammelten Kindern. «Und seid vorsichtig bei der Weitergabe von eigenen Bildern!» Und mit einem Blick zur Uhr lässt er die Kleinen springen.