Von der Pfarrfrau zur Frau Pfarrer

Edith Zettler-Tribelhorn gehörte zu den Frauen, die früh Theologie studiert haben, ihr eigenes Berufsprofil aber erst entwickeln mussten. Am 20. August ist sie im Alter von 86 Jahren gestorben.

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Edith Zettler-Tribelhorn, 25. März 1926 – 20. August 2012. (Bild: pd)

Edith Zettler-Tribelhorn, 25. März 1926 – 20. August 2012. (Bild: pd)

Als Edith Zettler-Tribelhorn erstmals in ein Pfarrhaus einzog, war sie die Pfarrfrau, aber noch lange nicht eine Frau Pfarrer. Verheiratet mit Pfarrer Erich Zettler, wurde ihr an seiner ersten Stelle unwillkürlich die Rolle des guten Geistes in Pfarrhaus und Gemeinde zugeschoben, stets präsent, dienstfertig und freundlich zu allen. Erst Jahre später, mit 46, erhielt sie eine erste Anstellung, die ihrer Berufsbildung entsprach, zuerst als theologische Mitarbeiterin, dann als Seelsorgerin.

Engagiert in vielen Bereichen

Seit 1972 engagierte sich Edith Zettler in der Gemeindearbeit der Evangelischen Kirchgemeinde Straubenzell. Besonders am Herzen lagen ihr die Menschen in den Heimen; diese lud sie zu Bibelstunden, zum Abendmahl ein. Sie leitete Frauenabende und gestaltete ungezählte Gottesdienste und andere Feiern, Anlässe, die sie sorgsam vorbereitet und mit Gefühl gestaltet hat. Weit über das AHV-Alter hinaus liess sie sich für kürzere oder längere Pfarraushilfen verpflichten.

Edith Zettler holte ihre Inspirationen aus der Bibel, aus dem Leben – und aus der Literatur. Zusammen mit ihrem Mann gründete sie die Lesegesellschaft Haggen, einen Kreis von Leuten, die ebenso literarisch interessiert waren wie sie. Bis zuletzt stöberte sie in der Buchhandlung durch die Neuerscheinungen, um lohnenden Stoff für die gemeinsame Lektüre zu finden. Biblische Weisheit und literarische Erfahrung ergänzten sich. Nebst der Arbeit in der Kirchgemeinde Straubenzell engagierte sie sich für den Aufbau der Evangelischen Frauenhilfe, die sie viele Jahre leitete.

Theologiestudium in Tübingen

Edith Zettler ist in St. Gallen aufgewachsen, hat hier die Schulen bis zur Matura besucht, an der Kantonsschule auch die Freude an der Literatur entdeckt. Noch wichtiger als das literarische war ihr aber das biblische Wort. So entschloss sie sich, Theologie zu studieren, erst in Zürich, dann in Tübingen, wo Helmuth Thielicke und Gerhard Ebeling lehrten, Professoren, die die evangelische Nachkriegs-Theologie nachhaltig prägten.

Zu den Mitstudenten gehörte auch Erich Zettler aus Leutkirch im Allgäu, ihr späterer Mann. Die erste Stelle führte das junge Ehepaar nach Zainingen auf die Schwäbische Alb, dann nach Esslingen bei Stuttgart. 1960 zog die Familie mit ihrem jungen Sohn Traugott nach Lichtensteig, an eine Kirche, die damals in paritätischem Sinn den Gottesdiensten beider Konfessionen diente. Zehn Jahre später wurde Erich Zettler die Stelle des Eheberaters der evangelischen Kantonalkirche in St. Gallen anvertraut. Ein Umzug, der Edith Zettler in die Stadt ihrer Jugendzeit zurückführte.

Mit starkem Willen

Einfühlsam als Seelsorgerin hatte Edith Zettler einen starken Willen. So wollte sie in den Tagen der Krankheit ihre Selbstbestimmung nicht verlieren, suchte durch Aufbietung aller Energie den Haushalt selbst zu besorgen, im Haus an der Lehnstrasse zu bleiben. Dort wurde sie am 20. August vom Tod eingeholt. (J. O.)