Von den Buben gelernt

Mit nur 38 Gegentoren ist das Frauenteam von Waldkirch-St. Gallen die defensiv stärkste Equipe der NLB. Einen Anteil an diesem Erfolg hat auch die 18jährige Livia Angehrn, die seit dieser Saison das St. Galler Tor hütet.

Raya Badraun
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«Es gefällt mir, gefordert zu werden», sagt die 18jährige Livia Angehrn. (Bild: Olivia Hug)

«Es gefällt mir, gefordert zu werden», sagt die 18jährige Livia Angehrn. (Bild: Olivia Hug)

UNIHOCKEY. Mit der Offensive gewinnt man Spiele, mit der Defensive die Meisterschaft. Diese Weisheit passt zu Waldkirch-St. Gallen. Mit dem Torverhältnis 37:38 steht das NLB-Team punktgleich mit dem Tabellenzweiten Frauenfeld auf dem dritten Platz. «Die Verteidigung steht kompakt, blockt gut und jede kämpft für jede», sagt Trainer Markus Riesen. Diese Situation hat das Team vor allem der guten Vorbereitung in den Sommerferien zu verdanken. «Wir sind kein Team, das viele Tore erzielt», sagt Riesen. «Deshalb haben wir uns dabei auf die Verteidigung konzentriert.» Dankbar darüber ist vor allem die erst 18jährige Torhüterin Livia Angehrn. «Wir haben eine sehr starke Defensive», sagt die Herisauerin. «Darüber bin ich sehr froh. Ohne sie wären wir wohl nicht so stark.»

Noch vor einem Jahr spielte Angehrn mit Appenzell in der U21 und in Herisau bei den A-Juniorinnen. An das höhere Niveau bei Waldkirch-St. Gallen muss sie sich deshalb noch gewöhnen. «In der NLB ist das Spiel nun viel schneller», sagt die jüngste Spielerin im Kader. So wird sie von ihrem Trainer immer wieder angehalten, den Ball nicht wie früher nur aus der Ferne zu beobachten, sondern sich gleichzeitig mit ihm zu bewegen. «Wenn sie sehr konzentriert ist, dann hält sie gut», sagt Riesen. «Momentan ist Livia aber noch zu wenig konstant.» Auch die erfahrene Torhüterin Stefanie Huber, die seit Anfang Dezember wieder bei Waldkirch-St. Gallen spielt, gibt ihr Tips. «Es gefällt mir, gefordert zu werden», sagt Angehrn.

Die Angst vor dem Ball

Gefordert zu sein, kennt sie bereits aus ihrer Kindheit. Mit neun Jahren begann Angehrn mit dem Unihockeytraining – bei den Buben. «Diese spielen schneller, körperbetonter, aggressiver und technisch besser als die Mädchen», sagt Angehrn, die zwei jüngere Brüder hat. «Davon konnte ich viel profitieren.» Zu Beginn war sie noch abwechselnd Feldspielerin und Goalie. Doch schnell merkte sie, dass sie am Stock nicht besonders talentiert ist, und wechselte ganz ins Tor. «Dort hatte ich am Anfang Angst vor dem Ball», erinnert sich Angehrn. Diese löste sich erst beim Christmas Camp in Herisau.

Da ihre Mutter im Sportzentrum arbeitet, kam sie mit den Trainern und den Organisatoren des Trainingslagers in Kontakt. Als sie hörte, dass Goalies fehlten, schlug sie ihre damals 12jährige Tochter vor. Als die junge Spielerin die Sporthalle betrat, erwartete sie Mädchen in ihrem Alter. Stattdessen stand sie 13- bis 16jährigen Buben gegenüber. «Das hat mich schon etwas eingeschüchtert», sagt Angehrn und lacht. Ihre Mutter hat sie damals während der Spiele immer wieder beobachtet und eine Veränderung festgestellt. Der Knopf ging auf, die Angst verschwand.

Angehrn hat Träume statt Ziele

Seit sie bei Waldkirch-St. Gallen spielt, hat sie sich weiter verbessert. «Ihr grosses Potenzial ist ein Versprechen für die Zukunft», sagt Riesen. Angehrn bleibt dennoch bodenständig. Von Zielen will sie nicht sprechen, dafür von Träumen. «Irgendwann in der NLA zu spielen, wäre cool», sagt sie nach kurzem Überlegen. «Dafür muss ich aber noch stark an mir arbeiten.» Verbissen will sie aber nicht um einen Platz in der höchsten Liga kämpfen. Beim Spielen geht es ihr auch immer um den Spass. «Wichtiger ist es mir zudem, gefordert zu werden – egal in welcher Liga.» Eine weitere Herausforderung stellt sich dem Team bereits im morgigen Spiel gegen Frauenfeld. So stark wie Waldkirch in der Verteidigung ist, so stark sind die Thurgauerinnen im Sturm. Bisher erzielten sie 60 Tore, 23 mehr als die Ostschweizerinnen. Es wird sich zeigen, ob die Weisheit stimmt.