Von Bären und Röhren

Der geduschte Rosenbergtunnel, die nie gesichteten Bären in der Mühlegg, das zersiedelte Winkeln: Die «Gallus-Stadt 2015» versammelt spannende aktuelle und geschichtliche Themen.

Daniel Klingenberg
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Alles bereit für die Tunnelreinigung: Blick vom Westportal auf die Stadtautobahn in Richtung Winkeln. (Bild: Martina Bašista)

Alles bereit für die Tunnelreinigung: Blick vom Westportal auf die Stadtautobahn in Richtung Winkeln. (Bild: Martina Bašista)

Die «Gallus-Stadt 2015», das rund 200seitige Jahrbuch der Stadt St. Gallen, überzeugt im dritten Jahr seiner Neuauflage mit einem geschickten Themenmix. Die «Vorstadtwanderung» von René Hornung durch den einstigen Weiler und heutigen Industriestandort Winkeln und die Begleitung der nächtlichen Rosenbergtunnelputzete von Malolo Kessler sind zum Einstieg schöne Beispiele von Reportagen mit Bezug zum Tagesgeschehen.

Stadtgeschichte aus überlegter Distanz erzählen die Beiträge zu gescheiterten Projekten der Bärenansiedelung von Théo Buff, das Orchideenparadies auf den Dächern des Kantonsspitals von Rafael Schneider und zur Kinogeschichte von Andreas Stock. Die Aktualität der Vergangenheit zeigt der Text von Dorothee Guggenheimer über Konkurse im 17. und 18. Jahrhundert, als die Obrigkeit Fehlbare auch mal zur Todesstrafe verurteilte. Alle Texte sind in gut lesbarer Sprache abgefasst.

Infografiken wären hilfreich

Dennoch gibt es drei Verbesserungsmöglichkeiten, die dem Leser bessere Orientierung und mehr Klarheit über die Pointe der Texte ermöglichen würde. Erstens fehlen Infografiken. Wer nicht durch Winkeln gewandert ist und von Ober- und Unterwinkeln und der Bildkapelle liest, würde gerne wissen, wo diese Orte sind. Dasselbe gilt für die Tunnelputzete, wo sich beim braunen Riesenklotz am Westportal «Fuchs und Hase gute Nacht» sagen. Da würde man doch gerne Hingucken im nächsten Stau. Zweitens wäre ein Bildkonzept wichtig. Statt zwei Seiten Grünlandschaft bei «St. Gallen sucht seine Bären» und einer doch eher zufälligen Reihung von Orchideen und Orchideenfachleuten böten Details und das Erzählen einer Bildergeschichte Leseanreiz. Dasselbe würde drittens die Entscheidung über die Richtung eines Textes bewirken. Statt einer Chronologie über das Kino-Auf-und-Ab wäre ein Porträt von Kinokönig Franz Anton Brüni spannender. Im Text über die Konkurse wäre schön, wenn Gemeinsamkeiten und Unterschiede damals und heute auf den Punkt kämen.

Genug kritisiert: Alle Beiträgen enthalten Perlen. Im Text über Winkeln prallen Geschichte und Gegenwart aufeinander, etwa wenn er von Industriebauten wie den «St. Galler Conserven» und dem Winkler Agglo-Gesicht der «Power Café Bar» erzählt. In den besten Passagen hat die Tunnelputzete literarische Qualität und wirkt klaustrophobisch: «Die Decke ist nah, die Wände sind nah, Betonpfeiler, Lampe, Rohr, Betonpfeiler.»

«Sind Parkplätze heilig?»

Die launige Einleitung von Théo Buff über nicht realisierte Bauvorhaben enthält den «Satz des Buches»: «Sind Parkplätze heilig?» Eine wirkliche Entdeckung sind die Orchideendächer des Kantonsspitals, wo Pflanzen mit wunderbaren Namen wie Waldvöglein und Sonnentau wachsen. Und beim heutigen Rumfläzen in Kinosälen wünscht man sich Franz Anton Brüni zurück, der mit «dunkler, bestimmter Stimme» Zuschauer anwies, die Schuhe von den Sitzen zu nehmen. Das Konkursthema ist ebenfalls eine Entdeckung. Details wie stellvertretende Hinrichtungen, bei denen Porträts am Galgen hochgezogen wurden, geben farbigen Einblick in die Welt von damals.

Das Jahr der Weichschildkröte

Auch die Chronik ist lobenswert. Wer, wenn nicht sie, behält die chinesische Weichschildkröte im Gübsensee im Stadtgedächtnis? Oder den SVPler, der ein Enthauptungsvideo als «kleine Entscheidungshilfe» für ein Parlamentsgeschäft verschickte? Und natürlich die Nachrufe: Ihre Bedeutung zu würdigen, wäre ein separater Artikel.