Vom Wort zum Wein

Im März eröffnet der St. Galler Philipp Schwander am Burggraben 24 eine Filiale seiner Weinhandlung Selection Schwander. Der Ort ist ein beredter Zeuge der St. Galler Geschichte.

Beda Hanimann
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Ein Jugendstilschloss am Altstadtrand: In den Hausteil Burggraben 24 (Mitte) zieht im März die Weinhandlung Selection Schwander ein. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Jugendstilschloss am Altstadtrand: In den Hausteil Burggraben 24 (Mitte) zieht im März die Weinhandlung Selection Schwander ein. (Bild: Benjamin Manser)

Der St. Galler Philipp Schwander hat für die Rückkehr in seine Heimatstadt eine illustre Adresse angepeilt. Im März eröffnet der einzige Schweizer Master of Wine am Burggraben 24 eine Filiale seiner Zürcher Weinhandlung Selection Schwander (Ostschweiz am Sonntag vom 24. Januar). Das Gebäude nimmt in der baulichen Entwicklung der Stadt eine besondere Rolle ein, und es war während Jahrzehnten das Stammhaus des Tschudy-Verlags, der zwischen 1919 und den 1960er Jahren sowohl Klassiker der deutschen Literatur wie experimentelle Lyrik herausgab und damit zu internationalem Ansehen kam.

Das neue Gesicht des Spisertors

Der Burggraben 24 ist Teil einer Häuserzeile, die in den Jahren nach 1903 durch den bedeutenden Architekten Gustav Adolf Müller erbaut wurde. Sie nimmt den Raum zwischen Glockengasse und Spisertor ein, der durch die Aufschüttung des Burggrabens sowie den Abbruch der Stadtmauer und des Spisertors (1879) entstanden war. Mit prägnanten Turmelementen und Giebelaufbauten setzte sie «nach dem Abbruch des markantesten Stadttors eine neue städtebauliche Dominante», wie es im Altstadtinventar der städtischen Denkmalpflege heisst. Trotz individueller Gestaltung zerfalle der fünfteilige Baukomplex nicht in einzelne Teile, sondern wirke als Einheit. Es handelt sich um die grösste einheitliche Bebauung eines Randbereichs der Altstadt nach dem Abbruch der Stadtbefestigung.

Kulturgeschichtliches Lesebuch

Gustav Adolf Müller war 1876 aus Ravensburg nach St. Gallen gekommen, wo er zahlreiche Geschäftsbauten, aber auch Villen und Schulhäuser baute. Den Gebäudekomplex am Burggraben würdigt der Band «Denkmalpflege und Archäologie im Kanton St. Gallen 2004–2008» als Hauptwerk des Architekten. Er zählt zu den bedeutendsten Leistungen des Jugendstils in St. Gallen. Treppenhäuser und Details im Innern sind bis heute im Originalzustand erhalten, wie Katrin Eberhard von der städtischen Denkmalpflege sagt. Die Fassade ist reich verziert mit floralen und tierischen Motiven sowie einer Vielzahl von Porträtköpfen, was sie zu einem «beeindruckenden bau- und kulturgeschichtlichen Lesebuch» mache, wie es in «Denkmalpflege und Archäologie» heisst.

Ein Glarner in St. Gallen

Das schlägt einen Bogen zum Innenleben, das während Jahrzehnten vom Druckerei- und Verlagshaus Tschudy und dessen charismatischem Inhaber Henry Tschudy geprägt wurde. Der 1882 in Glarus Geborene war ab 1903 Teilhaber in der Druckerei seines Stiefvaters Viktor Schmid, 1917 übernahm er das Unternehmen, das fortan Druckerei H. Tschudy & Co. hiess. 1919 druckte der belesene Glarner die erste ungekürzte Ausgabe von Adalbert Stifters «Nachsommer» nach der Erstausgabe und gliederte später der Druckerei einen Verlag an.

Der St. Galler Gestalter Jost Hochuli erinnert sich gut an das Wirken des Menschen und Verlegers Tschudy. Ende der 50er Jahre bis zu dessen Tod am Stephanstag 1961 führte Hochuli Aufträge für Tschudy aus. Auch wenn da unterschiedliche Generationen und Gestaltungsauffassungen aufeinander trafen, habe er nie Kompromisse machen müssen, Tschudy habe ihm sogar immer wieder Rückendeckung gegeben, wenn es Schwierigkeiten mit Druckereikunden gegeben habe, erzählt Hochuli.

Haus der Literatur

Rund 200 Titel und zahlreiche Privatdrucke hat der Tschudy-Verlag aufgelegt, nach Stifter Autoren wie die St. Galler Adrian Wolfgang Martin, Karl Schölly Hans Rudolf Hilty oder Regina Ullmann, aber auch Hermann Hesse, Robert Walser, Max Brod, Erika Burkart oder Eugen Gomringer. Internationales Ansehen erlangte er mit den Periodika der Bogen-Hefte, Quadratbücher und dem «Hortulus», die sich zeitgenössischer Gestaltung und Lyrik widmeten. Nach Tschudys Tod schlief die Verlagstätigkeit ein, die Druckerei fusionierte im Sommer 2015 mit der Typotron und zügelte ins Krontal. Das markierte am Burggraben den Wechsel vom Wort zum Wein.

Der Drucker und Verleger Henry Tschudy (1882–1961). (Bild aus: Hausbuch des Tschudy-Verlags)

Der Drucker und Verleger Henry Tschudy (1882–1961). (Bild aus: Hausbuch des Tschudy-Verlags)

Das Spisertor (N) auf einem Kartenausschnitt von 1596. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Das Spisertor (N) auf einem Kartenausschnitt von 1596. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Postkarte von 1907, kurz nach dem Bau des Gebäudekomplexes. (Bild: Sammlung Uhler, St. Gallen)

Postkarte von 1907, kurz nach dem Bau des Gebäudekomplexes. (Bild: Sammlung Uhler, St. Gallen)

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