Vom Klostergarten zum «Raiffeiseli»

Die Frongartenstrasse führt vom Oberen Graben ins Herz des Bleicheli, auf den Roten Platz, wie die Stadtlounge von Pipilotti Rist und Carlos Martinez im Volksmund heute heisst. Die Strasse ist eher kurz, hat aber eine lange und bewegte Geschichte.

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Blick vom Oberen Graben zum Bleicheli. Links das italienische Konsulat und rechts zwei letzte Häuser der ursprünglichen Bebauung. (Bild: Elina Grünert)

Blick vom Oberen Graben zum Bleicheli. Links das italienische Konsulat und rechts zwei letzte Häuser der ursprünglichen Bebauung. (Bild: Elina Grünert)

Die Frongartenstrasse führt vom Oberen Graben ins Herz des Bleicheli, auf den Roten Platz, wie die Stadtlounge von Pipilotti Rist und Carlos Martinez im Volksmund heute heisst. Die Strasse ist eher kurz, hat aber eine lange und bewegte Geschichte. Heute stehen ihr entlang vor allem Geschäftshäuser. Wohnungen gibt's teils in oberen Stockwerken, ihre Zahl ist aber seit Jahren abnehmend.

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Den Namen hat die Frongartenstrasse tatsächlich von einem Garten. Die älteste Darstellung des Frongartens, der sich westlich der heutigen Altstadt direkt vor der Stadtmauer befand, stammt von 1545. Damals wurde er in einem Stich von Heinrich Vogtherr gezeigt. Ein Frongarten ist ein herrschaftlicher Garten. In St. Gallen gehörte er dem Kloster, wie Martin Arnet in seinem Standardwerk «Die Orts- und Flurnamen der Stadt St. Gallen» schreibt. Im Gebiet des Frongartens befanden sich auch noch ein Obstgarten und das Bleicheli, wo – wie auf anderen Wiesen rund um die Stadt auch – Leinwand zum Bleichen an die Sonne gelegt wurden. Im Gebiet gab es zudem zwei offen geführte Bäche.

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Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die kleine Bleiche zum Bauplatz. Die Stadt sprengte nämlich den Ring der mittelalterlichen Stadtmauer. Rund um die heutige Altstadt entstanden Neubauten. Das Bleicheli samt Frongarten wurde so zum Wohn- und Gewerbequartier. Gebaut werden durfte am Anfang nur zweistöckig. Erst der Stickereiboom führte um 1900 dazu, dass die Vorschriften gelockert wurden. Die Gebäude wurden höher und dichter aneinander gebaut. Das Quartier der Handwerker wandelte sich vor allem an seinen Rändern oder etwa zwischen Frongarten- und Vadianstrasse zum urbanen Geschäftsviertel. Daneben gab es einzelne öffentliche Institutionen. So entstand 1880 an der Frongartenstrasse 18 (siehe Hausnummer im Plan unten) die heute noch hier stehende Synagoge. Auch das städtische Arbeitsamt befand sich an der Strasse: Die Arbeitslosen mussten dort jeweils mit ihren Stempelkarten vorbeigehen. An der Frongartenstrasse 6 wurden die Männer, im Haus Nummer 12 die Frauen bedient. An der Frongartenstrasse 9 befindet sich das Gebäude des italienischen Konsulates.

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Auf den Stickereiboom folgte ab dem Ersten Weltkrieg die Krise. Gebäude, die von Textilunternehmen gebraucht worden waren, standen leer. Während andere Quartiere sich im Zuge der Hochkonjunktur ab den 1950er-Jahren baulich stark veränderten, behielt das Bleicheli seine kleingewerblichen Strukturen. Der günstige Wohnraum bot auch Platz für alternative Lebensformen. Bereits 1973 stand das erste Gebäude der Raiffeisen-Gruppe und deutete eine neue Ära hin. Das Bleicheli wurde zum Bankenviertel oder gemäss Josef Osterwalder zum «Raiffeiseli».

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In den 1980er-Jahren war der südwestliche Teil des Bleicheli auch ein Ort der alternativen Kultur. Im alten Werkhof zwischen Wassergasse und Gartenstrasse entstand die Kunsthalle, hier fanden aber auch viele Kunstschaffende mit ihren Ateliers Platz. Legendär sind die Konzerte, die hier über die Bühne gingen. Unter den Bands waren etwa auch die Aeronauten. Eine spätere kulturelle Zwischennutzung an der Schreinerstrasse war die «Frohegg», mit der der Grundstein fürs heutige Kulturzentrum im alten Kino Palace gelegt wurde.

Ab 1999 wurden Schritt für Schritt viele Altbauten im westlichen Teil des Bleicheli abgebrochen. Dafür baute die Raiffeisen-Gruppe ihren Hauptsitz. Die Arbeiten wurden 2011 abgeschlossen. Danach entstand die rote Stadtlounge. Zu ihr gehört auch der westlichste Teil der Frongartenstrasse. (egr/vre)

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