Vom Haus zum Denkmal

Derzeit steht das neue städtische Inventar schützenswerter Bauten in der Vernehmlassung. Erstmals in so eine Schutzliste aufgenommen wurden Häuser aus der Zeit von 1920 bis 1970.

Reto Voneschen
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Für Otto Normalverbraucher ist der Fall klar: Bauten, die man keinesfalls abbrechen darf, sind imposant, schön und vor allem alt. Darüber, dass das Kloster, die Kirche St. Laurenzen, herausgeputzte Riegelhäuser oder ein Geschäftshaus aus der Zeit der Stickereiblüte stehen bleiben muss, herrscht weitgehend Einigkeit. Neben diesen unbestrittenen Objekten sind für Fachleute aber auch viele andere, weniger spektakuläre Bauten schutzwürdig, die Identität und Geschichte der Gallusstadt ausmachen (acht Beispiele dazu siehe unten).

Viele Qualitäten gefragt

Die Schutzwürdigkeit von Bauten aus der Zeit von 1920 bis 1970 sei nach den gleichen Kriterien beurteilt worden, die für ältere, unter Schutz stehende Häuser gälten, sagt der städtische Denkmalpfleger Niklaus Ledergerber. Die Adjektive imposant, schön oder alt spielen für die Fachleute allerdings keine gewichtige Rolle.

Schützenswert sind für sie Gebäude, die städtebaulich relevant sind, eine besonders gute architektonische Qualität haben oder typisch für die Zeit sind, in der sie entstanden. Schützenswert sind auch Bauten, die für ein bestimmtes Problem eine besonders innovative Lösung darstellen. Speziell Geschichtsträchtiges und daher Schützenswertes findet sich gemäss Niklaus Ledergerber dagegen in der Kategorie der 40 bis 90 Jahre alten Häuser noch kaum.

Unverfälschte Zeitzeugen

Eine Liste möglicher schutzwürdiger Bauten aus den Jahren von 1920 bis 1970 zusammenzustellen, sei kein Problem. Aus dieser Epoche gebe es in der Stadt viele, qualitativ gute Bauten. Erheblich schwieriger sei es gewesen, in einer Expertengruppe die wirklich schutzwürdigen Objekte zu bestimmen. Ein Ziel sei gewesen, möglichst typische und unverfälscht erhaltene Vertreter jener Zeit ins Inventar aufzunehmen.

Den Fachleuten sei bei der Auswahl auch klar gewesen, dass einzelne Unterschutzstellungen politisch umstritten sein könnten. Darauf habe man in Zweifelsfällen genauso Rücksicht genommen wie darauf, dass ein Entscheid für eine Unterschutzstellung später auch juristisch hieb- und stichfest sein, also auch einer richterlichen Überprüfung standhalten müsse.

Langer politischer Prozess

Eine Liste möglicher schützenswerten Bauten aus der Zeit zwischen 1920 bis 1970 hatte die Stadt bereits Ende der 1990er-Jahre erstellt. An ihr hatte sich die politische Frage entzündet, ob es richtig sei, Gebäude in der unverbindlichen Form von Inventaren zu schützen. Bürgerliche Politiker forderten dafür 2002 eine Schutzverordnung.

Gegen sie könnten sich betroffene Eigentümer sofort und nicht erst bei Einreichung eines Abbruch-, Bau- oder Umbaugesuchs rechtlich zur Wehr setzen. Im November 2009 entschied das Stimmvolk (unter anderem auf Empfehlung des Stadtrates), beim alten System der Inventare zu bleiben. Der Stadtrat hat aufgrund dieses Beschlusses ein neues Inventar schutzwürdiger Bauten ausserhalb der Altstadt erarbeiten lassen. Dafür wurden alle bisherigen Schutzobjekte neu bewertet. Neu aufgenommen wurden Bauten von 1920 bis 1970.

Das neue Inventar steht derzeit in der Vernehmlassung (Kasten).