Vom «Gänglein» zur Quergasse

Wer in die mittelalterliche Stadt St. Gallen kam und ein bestimmtes Haus aufsuchen wollte, musste dessen Namen kennen. Gassen- und Platznamen, vor allem aber Hausnummern sind eine neuere Erfindung. Viele Häuser in der St.

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Links das Geschäftshaus, in dem bis 2002 das Billigkaufhaus ABM residierte, rechts das heutige Haus «Toggenburg», dazwischen das Toggenburggässlein. Das Plätzchen mit Brunnen gehört zu ihm. (Bild: Reto Voneschen)

Links das Geschäftshaus, in dem bis 2002 das Billigkaufhaus ABM residierte, rechts das heutige Haus «Toggenburg», dazwischen das Toggenburggässlein. Das Plätzchen mit Brunnen gehört zu ihm. (Bild: Reto Voneschen)

Wer in die mittelalterliche Stadt St. Gallen kam und ein bestimmtes Haus aufsuchen wollte, musste dessen Namen kennen. Gassen- und Platznamen, vor allem aber Hausnummern sind eine neuere Erfindung. Viele Häuser in der St. Galler Altstadt tragen ihren Namen bis heute zusätzlich zur gängigen Adresse. Prominente Beispiele sind die Häuser «Zum Strauss» und «Zur Wahrheit» am Gallusplatz oder auch «Zum Felsenhof» an der Schmiedgasse und «Zum Schlüssel» an der Multergasse. Etliche Häusernamen finden sich aber auch in modernen Strassen- und Gassennamen wieder.

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Ein Beispiel dafür ist das Toggenburggässlein. Es zeigt allerdings nicht nur, wie die Bezeichnung einer Liegenschaft zum Gassennamen werden kann, es ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie ein Schlupf, ein Gang oder eine Abkürzung zwischen zwei Hauptgassen über die Jahrhunderte selber zur Gasse wird. Ein Übersichtsplan aus der Zeit um 1650 deutet für den Ort des heutigen Toggenburggässleins bereits eine Querverbindung zwischen Multer- und Schmiedgasse an. Wie Ernst Ziegler, der ehemalige St. Galler Stadtarchivar, im Buch «St. Galler Gassen» schreibt, wird diese Verbindung sogar früher, nämlich in einer Urkunde aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, erstmals erwähnt. Stadtarzt Bernhard Wartmann beschreibt die Verbindung um 1792 in seiner Publikation «Zur Geschichte der Stadt Sankt Gallen» als «Quer-Gang bey der Apotheke von Schmiedgass nach der Multergass». Und er bezeichnete das Gässchen damals zusammen mit anderen kleinen Quergassen als «Gängle».

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Die moderne Geschichte des Toggenburggässleins beginnt 1830. In einem Kaufbrief heisst es, dass Wirt Gottfried Scheitlin einem Johann Georg Früh von Mogelsberg an der Multergasse beim «Gänglein» Haus, Hofstatt und Stall verkauft. Der Preis dafür lag bei 12 000 Gulden.

Als der Toggenburger Früh sieben Jahre später sein Gasthaus für 13 500 Gulden wieder verkaufte, hiess dieses gemäss Ernst Ziegler «Zur Toggenburg». Wie dieses Gebäude vor 1886 ausgesehen hat, wissen wir, weil eine Fotografie davon im Archiv der städtischen Baudokumentation erhalten ist.

Ersetzt wurde die alte «Toggenburg» 1887 durch einen Backsteinbau. In seinem Parterre wurde das Café Metropol eingerichtet und betrieben. Dieses Haus wurde 1963 abgebrochen und an seiner Stelle entstand das heutige Geschäftshaus Multergasse 11. Darin war bis 2002 das Billigkaufhaus ABM untergebracht. Es genoss seinerzeit einen ähnlich legendären Ruf wie die EPA am Bohl.

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Seit 1903 heisst «das Gänglein» neben dem ehemaligen ABM-Gebäude offiziell Toggenburggässlein. Und ein Haus am Gässchen trägt immer noch den Namen «Toggenburg». Er prangt an der 1909 erbauten Multergasse 15, in deren Erdgeschoss heute eine bekannte Bijouterie mit Uhrengeschäft untergebracht ist. (vre)