Vom Friaul in die Gallusstadt

Sie hat zwei Weltkriege erlebt, war in Kriegsgefangenschaft, ist ihrem Mann in die Schweiz gefolgt und hat mit 99 Jahren einen Herzschrittmacher erhalten. Franceschina Placereani wurde am 11.11. in St. Gallen 100 Jahre alt.

Claudia Schmid
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Franceschina Placereani stösst mit Regierungsrat Beni Würth (links) und Stadtpräsident Thomas Scheitlin auf ihren 100. Geburtstag an. (Bild: Ralph Ribi)

Franceschina Placereani stösst mit Regierungsrat Beni Würth (links) und Stadtpräsident Thomas Scheitlin auf ihren 100. Geburtstag an. (Bild: Ralph Ribi)

Ruhig im Sessel zu sitzen, ist nicht die Sache von Franceschina Placereani. Bei jedem Besuch, der neu in die Stube tritt, schnellt sie hoch, um die Neuankömmlinge mit einer Umarmung zu begrüssen. «Das ist zu viel der Ehre. Ich bin doch kein Star», sagt sie zu Stadtpräsident Thomas Scheitlin, der am Samstagvormittag zusammen mit Stadtschreiber Manfred Linke gekommen ist, um zum 100. Geburtstag zu gratulieren. Aus ihren Augen blitzen Schalk und Lebensfreude. Seit sie vor wenigen Monaten einen Herzschrittmacher erhalten habe, gehe es ihr wieder viel besser, erzählt sie der Gratulantenschar.

Auf dem Land aufgewachsen

Francesca Placereani hat eine Fülle an Geschichten zu erzählen. Das lässt sich auch einer Maturaarbeit entnehmen, welche Enkelin Irina vor vier Jahren verfasst hat. Darin ist zu lesen, dass «La Nonna» am 11. November 1911 in einem kleinen Weiler in der Provinz Udine im Nordosten Italiens zur Welt kam. Die Eltern hielten Kühe und Hühner, bewirtschafteten Felder, produzierten Honig und züchteten Seidenraupen, um die Kokons zu verkaufen. Drei Jahre nach ihrer Geburt brach der Erste Weltkrieg aus. Aus Angst vor österreichischen Truppen verliess die Familie vorübergehend ihren Weiler.

In Kriegsgefangenschaft

In der Zwischenkriegszeit arbeitete die junge Francesca als Dienstmädchen bei der Verwalterfamilie eines Grossgrundbesitzers. 1942 heiratete sie Giovanni Placereani, einen Jugendfreund aus dem Heimatdorf. Weil die Arbeitssituation schwierig war, suchte sich das Ehepaar an verschiedenen Orten in Österreich bessere Verdienstmöglichkeiten. Francesca kochte und wusch für Gastarbeiter, Giovanni arbeitete als Eisengiesser und Maurer. In dieser Zeit kam ihr erstes Kind zur Welt.

Nach dem Einmarsch der Russen in Österreich geriet die junge Familie in Gefangenschaft und wurde damit auf eine Odyssee geschickt, die sie über Wien, Budapest und Belgrad nach Bulgarien führte. Als sie dort erfuhren, dass alle Gefangenen für ein Zwangsarbeitslager bestimmt waren, floh das Paar, wurde gefasst und ins Gefängnis gesteckt. Nach zwei Wochen wurden dann alle Gefangenen an der griechischen Grenze den Amerikanern übergeben. Francesca und Giovanni kehrten mit ihrer Tochter auf den Bauernhof ihrer Eltern zurück.

Erdbeben im Friaul

Weil der Ertrag aus der Landwirtschaft bescheiden war, bewarb sich Francescas Mann in der Schweiz als Gastarbeiter. Nachdem er während zehn Jahren als Saisonnier jeweils neun Monate pro Jahr in der Schweiz gearbeitet hatte, bekam er 1962 die Niederlassung. Damit konnte Francesca mit den drei Kindern nachkommen. «Wir wohnten an der Berneggstrasse. Ich arbeitete als Raumpflegerin und führte den Haushalt», erinnert sie sich.

Am 9. Mai 1976 ereignete sich in der Heimat, im Friaul, ein verheerendes Erdbeben. «Mein Mann reiste sobald es möglich war in unser Dorf, um zu helfen und zu sehen, ob auch wir Tote in der Verwandtschaft zu beklagen hatten. Zum Glück blieben wir verschont, aber viele Bekannte waren ums Leben gekommen», erinnert sich die Jubilarin. Ihr Mann reiste nach der Pensionierung im Jahre 1978 regelmässig in die Heimat und half beim Wiederaufbau des Dorfes. Am 6. September 1980 erlag er dann dort einem Herzinfarkt.

Acht Enkel, sechs Urenkel

Ihren 100. Geburtstag feierte Francesca Placereani am Samstag im Kreise ihrer grossen Familie. Sie ist stolze Nonna von acht Enkeln und sechs Urenkeln. Mit Beni Würth gehört auch ein Regierungsrat zur Familie. Er ist mit einer der Enkelinnen der Jubilarin verheiratet. Eigentlich seien 100 Jahre genug, sagt sie den Gratulantinnen und Gratulanten. Vor dem Sterben habe sie keine Angst. Und wieder strahlt Francesca Placereani über das ganze Gesicht.