Vom Banker zum Beizer

ST.GALLEN. Als Teenager träumte Mauro Girardi davon, einmal eine eigene Bar zu haben. Stattdessen wurde er Anlageberater. Die Wirtschaftskrise liess ihn seinen Traum nun dennoch verwirklichen.

David Gadze
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Einschenken statt anlegen: Der ehemalige Banker Mauro Girardi vor der Getränkewand in seiner «Lunaris Chillout Bar». (Bild: Olivia Hug)

Einschenken statt anlegen: Der ehemalige Banker Mauro Girardi vor der Getränkewand in seiner «Lunaris Chillout Bar». (Bild: Olivia Hug)

Die Hektik des Alltags entschleunigen. In einer gepflegten Atmosphäre herunterfahren. Geniessen. Mit diesen Worten beschreibt Mauro Girardi seine kürzlich eröffnete «Lunaris Chillout Bar» in der Augustinergasse. Es sind auch lauter Dinge, die dem ehemaligen Banker selbst am Herzen liegen. So ist auch seine Bar für ihn eine Herzensangelegenheit.

Als Teenager hinter der Bar

Erste Erfahrungen in der Gastronomie sammelte Girardi als Teenager, als er während den Ferien in der Bar seines Cousins arbeitete. Er habe sich schon damals gewünscht, eines Tages «so etwas Eigenes» zu haben. Als sich mit 20 Jahren aber ein anderer beruflicher Weg abzeichnete, habe er gedacht, es bleibe für immer ein Traum.

Der Aarauer absolvierte eine Lehre als Radio- und Fernsehtechniker. Anschliessend liess er sich in Zürich bei einer Grossbank weiterbilden. Dort lernte er Roland Ledergerber kennen, den heutigen CEO der St. Galler Kantonalbank. Nachdem dieser zur Kantonalbank gewechselt war, bot er Girardi im Jahr 2000 eine Stelle an. Fünf Jahre lang pendelte Girardi zwischen Zürich und St. Gallen, davon ausgehend, früher oder später in die Limmatstadt zurückzukehren. Als er im Jahr 2005 die Teamleitung des Privatkundengeschäfts übernahm, entschloss er sich, nach St. Gallen zu ziehen. Inzwischen fühlt er sich hier heimisch: «Mir gefällt das familiäre Ambiente. In Zürich hätte ich wohl keine Bar eröffnet.»

«Ich musste die Chance packen»

Dass es überhaupt dazu kam, hat Girardi einem seiner ehemaligen Kunden zu verdanken. «Im vergangenen Jahr kam dieser mit der Idee, die Liegenschaft in der Augustinergasse zu kaufen und zu einer Bar mit darüberliegender Wohnung umzubauen», erzählt der 44-Jährige. Als es sich der besagte Kunde doch anders überlegte, griff Girardi zu. «Mir war klar, dass ich es mein Leben lang bereuen würde, wenn ich diese Chance nicht packe.» Die Voraussetzungen hätten nicht besser sein können: Er muss keine Verantwortung für eine Familie tragen und konnte eine Liegenschaft «an bester Lage» kaufen. Dazu hielt sich auch das Investitionsvolumen in Grenzen.

Der Entscheid wurde Gerardi durch die Tatsache erleichtert, dass er sich in seinem Beruf als Anlageberater immer unzufriedener fühlte. Die Wirtschaftskrise und die dadurch sinkenden Anlagerenditen seiner Kunden hätten ihm die Freude an der Arbeit zunehmend geraubt. «Permanent etwas Schlechtes positiv darzustellen, zehrt an der Motivation», sagt er rückblickend. «Ich spürte das Verlangen, mich beruflich zu verändern, und wollte einfach wieder Spass an meinem Job haben.»

Den Traum verwirklicht

Er sei keiner jener blauäugigen Quereinsteiger, auf die der Spruch «Wer nichts wird, wird Wirt» zutreffe, sagt Girardi überzeugt. «Wenn ich etwas mache, dann mit Leidenschaft und 150 Prozent Einsatz. Aber vor allem muss es durchdacht sein und ein Konzept haben.»

Nach der Kündigung bei der St. Galler Kantonalbank absolvierte Mauro Girardi die Barfachschule und machte das Wirtepatent. Zusätzlich engagierte er einen Fachmann einer Bar-Consulting-Firma, der ihm bei der Konzeption seines «Bijous» behilflich war und ihn in der Anfangszeit hinter der Bar unterstützt. «Ich lerne immer noch, Tag für Tag. Aber ich kann schon jetzt sagen: Ich habe meinen Traum verwirklicht.»