Viele Jahre Kutteln geputzt

RORSCHACHERBERG. Einst zählte man in Rorschacherberg drei Metzgereien, heute gibt es noch eine einzige Metzgereifiliale. Josef Schneider gründete vor 1900 bei der «Frohen Aussicht» die erste Metzgerei und baute 1907 den heute noch bestehenden «Ochsen».

Peter Beerli
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Lotty Dornbierer wuchs im «Ochsen» auf, weiss deshalb viel aus der Metzgereigeschichte zu erzählen. Ihr Grossvater Josef Schneider kam als bayrischer Metzgerbursche auf der Walz in die Ostschweiz und arbeitete einige Jahre lang in St. Gallen. Ende des 19. Jahrhunderts eröffnete er bei der «Frohen Aussicht» die erste Metzgerei in Rorschacherberg. Die Därme wurden damals in einem der vielen Rorschacherberger Bäche gewaschen. Und damals gab es in Rorschacherberg mit viel weniger Einwohnern als heute noch drei Metzgereien. Zudem wurden aus Goldach und Staad Fleisch- und Wurstwaren ins Haus gebracht.

Erbauer des «Ochsen»

1907 liess Josef Schneider mit finanzieller Unterstützung eines Viehhändlers an der Goldacherstrasse 105 eine Metzgerei mit Speiserestaurant und drei Wohnungen bauen. Der «Ochsen» wurde über 50 Jahre lang von der Familie Schneider geführt und blieb bis heute Metzgerei und Restaurant. Die Bauern aus der Gemeinde und der Umgebung brachten ihre Tiere zur Schlachtung. Das Fleisch wurde verarbeitet, verwurstet und jede Woche ein oder zweimal bis weit in den Berg hinauf ins Haus gebracht.

Josef Schneiders Söhne absolvierten die Militärschule in ihrer deutschen Heimat. Sie kamen 1919 aus dem Ersten Weltkrieg zurück, nachdem sich der damalige Gemeindammann Lehner speziell für sie eingesetzt hatte. Leo Schneider ging von nun an dem Vater in der Metzgerei zur Hand. Er lernte die aus Württemberg stammende, ebenfalls im «Ochsen» tätige Kellnerin Rosa Baur lieben. Die beiden heirateten und übernahmen im Laufe der Jahre die Metzgerei, während sich die Eltern dem Speiserestaurant widmeten. Vater Josef liess sich jedoch noch zur Mithilfe in der Metzgerei rufen, bis er 90 Jahre alt war. In Metzgereien, zumal solchen mit Restaurant, hatte sich die ganze Familie zu engagieren. Lotty Dornbierer erinnert sich, schon als kleines Mädchen dem Grossvater beim Waschen der Därme und Putzen der Kutteln und beim Abfüllen der Blutwürste geholfen zu haben. Vor allem aber war es ihre Aufgabe, ein- bis zweimal pro Woche Fleisch- und Wurstwaren in die oberen Gebiete der Gemeinde zu bringen. Sie tat es mit Hund und Wagen. Bei manchen Familien erhielt sie einen Zehner Trinkgeld. Bei andern hatte der Vater manchmal auf die Bezahlung zu warten, bis der betreffende Kleinbauer wieder einmal ein Kalb zum Schlachten brachte. «Es gab auch fromme Leute, die das Fleisch für die Woche bei uns bezogen, den Sonntagsbraten aber bei der katholischen Konkurrenz in Rorschach, weil der Pfarrer es so verlangte» erinnert sich Lotty Dornbierer.

Essen für zwei Franken

Abgesehen von einem langen gesundheitsbedingten Unterbruch half Lotty Dornbierer bis zur Heirat im elterlichen Betrieb mit. So bekam sie auch Einblick in den Restaurantbetrieb mit den sechs Tischen in der Gaststube und einem grossen im Nebenraum. Im «Ochsen» assen damals vor allem Arbeiter aus den umliegenden Betrieben oder Gruber Schüler, welche die Sekundarschule in Rorschach besuchten und über Mittag nicht heimkehren konnten. Die Preise waren tief: Für zwei Franken gab es ein Mittagessen, und den Schülern wurden grosse Platten mit Teigwaren und Hackfleisch oder Ähnlichem aufgetischt. Vorher wurde eine kräftige Suppe serviert. Noch liegt eine Rechnung vor, auf welcher Arbeitern für 23 Mahlzeiten mit je einem «grossen Saft» 40 Franken quittiert wurden. Das geschah, als man in Rorschacherberg noch weit mehr Restaurants zählte, viele davon von Bauern im Nebenbetrieb geführte Beizlein, in welchen man auch tagsüber und am Sonntag einkehrte.

1960 Ende der Ära Schneider

Im Jahre 1960 verkaufte Familie Schneider den «Ochsen». 1962 wurde er renoviert, Metzgerei und Restaurant wurden getrennt. Die Metzgerei wurde vorerst Filiale eines Thurgauer Metzgereibetriebes. Heute wird sie als solche von einer Metzgerei in Trogen geführt.

Der «Ochsen» in Rorschacherberg vor 100 Jahren (oben) und wie er sich heute präsentiert. (Bild: Linda Müntener)

Der «Ochsen» in Rorschacherberg vor 100 Jahren (oben) und wie er sich heute präsentiert. (Bild: Linda Müntener)