Viele Hürden für Abwärmenetz

Die Gemeinden St. Gallen, Gossau und Gaiserwald wollen ein gemeinsames Energienetz realisieren. In diesem soll die Abwärme von Betrieben für das Heizen von Wohnungen gebraucht werden. Viele Punkte sind jedoch noch ungeklärt.

David Gadze
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Die Abwärme von Unternehmen im Industriegebiet St. Gallen/Gossau soll künftig nicht mehr ungenutzt verpuffen, sondern für das Heizen von Wohnungen gebraucht werden. Dafür soll zwischen Gossau, St. Gallen und Abtwil bis 2050 ein sogenanntes «Anergienetz» entstehen (Tagblatt vom 20. November). Bei Anergie handelt es sich um Abwärme der Betriebe. Ihre Temperatur liegt zwischen 8 und 20 Grad, sie wird deshalb auch als «kalte Fernwärme» bezeichnet. Sie soll in ein Netz gespeist und in den umliegenden Wohngebieten mittels Wärmepumpen für die Heizung aufbereitet werden.

60 bis 85 Millionen Franken

Das Projekt wurde an der Hauptversammlung des Energienetzes Gossau-St. Gallen-Gaiserwald (GSG) vorgestellt. Marco Huwiler, Leiter der bei den St. Galler Stadtwerken angesiedelten Koordinationsstelle des Energienetzes, betonte das Potenzial eines solchen Netzes und die Möglichkeiten regionaler Wertschöpfung.

Die Hürden bis zur Umsetzung sind allerdings hoch. Eine davon ist die Finanzierung. Huwiler bezifferte die Investitionskosten auf geschätzte 60 bis 85 Millionen Franken. Während sie vor allem am Anfang sehr hoch seien, stiegen die Erträge erst später. Denkbar sei deshalb, dass jede Gemeinde «ihren eigenen Cluster» baue und diese erst zu einem späteren Zeitpunkt miteinander verbunden würden.

Gemeindegrenzen überwinden

Auch Stadtrat Peter Jans sprach von den Herausforderungen, die es zu meistern gelte. Eine Schwierigkeit werde sein, in einer Gemeinde vom Parlament oder vom Stimmvolk einen Millionenkredit zugesprochen zu bekommen, der dann in einer anderen Gemeinde «verlocht» werde. «Die Grundsatzfrage lautet: Ist es uns etwas wert, den Energieumbau gemeinsam anzugehen?» Bei Investitionen in ein solches Projekt müssten Gemeindegrenzen überwunden werden. So gelte es, nicht nur die Politik, sondern auch Unternehmen, Wirtschaftsverbände und die Bevölkerung vom Sinn des Vorhabens zu überzeugen und dabei den «Blick fürs Ganze» nicht zu verlieren.

Ein weitere Herausforderung ist das energiepolitische Umfeld. Der Marktpreis für Strom liegt derzeit aufgrund eines Überangebots unter den Produktionskosten. Erdöl und Gas sind so billig, dass sich Investitionen in alternative Energien kaum lohnen. Die Auswirkungen einer weiteren Marktöffnung von 2020 seien noch ungewiss, sagte Jans.

Kein Spielfeld für Investoren

Ein Fragezeichen steht auch hinter der Versorgungssicherheit. Denn um das Netz längerfristig betreiben zu können, muss es mit genügend Abwärme versorgt werden. Wenn einer der grossen potenziellen Wärmelieferanten wie Migros, Coop oder Suttero aus welchen Gründen auch immer den Betrieb am jetzigen Standort einstellen sollte, drohen Lücken.

In der Diskussionsrunde zeigte sich, dass die Erwartungen der Beteiligten teils auseinander gehen. So betonte Markus Mauchle, Vorstandsmitglied Handels- und Industrievereinigung Gossau, die Wichtigkeit der Versorgungssicherheit und wirtschaftlicher Energiepreise für die Unternehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Politik müsse gerade in Energiefragen «unternehmerischer» werden. Ausserdem plädierte Mauchle dafür, Investoren für das «Anergienetz» zu finden, statt die Federführung der Politik zu überlassen. Der Gaiserwalder Gemeindepräsident Boris Tschirky warnte, dass ohne die Beteiligung der öffentlichen Hand ein solches Projekt kaum realisiert werden könne und bezüglich der Versorgungssicherheit «gefährlich» sei.