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Viel mehr als Kultur und Parkplätze

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs St. Gallen aus dem Ring der Stadtmauern hinaus. Der Boom der Stickereiindustrie löste um 1900 rege Bautätigkeit aus. Bis 1914 entstanden so auch etliche monumentale Bauten. Die Geschichte lässt sich bis heute am Museumsquartier ablesen.
Reto Voneschen
Kindergerechter Umbau: Derzeit wird der früher asphaltierte Pausenplatz hinter dem Spelterini-Schulhaus neu gestaltet. (Bild: Reto Voneschen)

Kindergerechter Umbau: Derzeit wird der früher asphaltierte Pausenplatz hinter dem Spelterini-Schulhaus neu gestaltet. (Bild: Reto Voneschen)

Einen ungewöhnlichen Blick hat Stadtarchivar Marcel Mayer am Mittwoch aufs Museumsquartier geworfen. Auf der Führung im Rahmen der Ausstellung «St. Gallen im Bild» des Historischen und Völkerkundemuseums ging es nicht um die Häufung kultureller Institutionen zwischen Stadtpark und Sonnenstrasse. Mayer rollte das Gebiet «von hinten» auf und erläuterte, wie sich hier die Stadtentwicklung ab etwa 1850 bis 1914 ablesen lässt.

Die älteste Häuserzeile

Vor 1790 war das Gebiet vom heutigen Brühltor bis zum Kantonsspital, also das heutige Museumsquartier, weitgehend unbebaut. Das nach Osten abfallende Gelände war Allmend, militärisches Exerzierfeld, Markt- und Festplatz. Nach 1791 entstand vor dem Brühltor die erste Häuserzeile ausserhalb der Stadtmauern gemäss einer verbindlichen Bauordnung. Diese Häuser mit ihren rückseitigen Gärten gehören heute zu den ältesten Bauten im Quartier.

Quartier vom Reissbrett

Die ernsthafte Überbauung setzte erst ab 1860 im nordöstlichen Teil der Blumenaustrasse ein. Anfang der 1870er-Jahre gab es erste Pläne für die Gestaltung des eigentlichen Museumsquartiers. Sie lehnten sich an die bestehenden Strassen, die Blumenau- und die Museumsstrasse an. Sie sahen eine bis heute erkennbare streng geometrische Aufteilung vor. Hier sollten repräsentative Bauten entstehen. So waren Steinhäuser vorgeschrieben. Zudem sollte «innerhalb der Grenzen des Schönen und der Harmonie» gebaut werden, wie Stadtarchivar Mayer aus den fürs Gebiet geltenden Bauvorschriften zitierte. Formal sollten die Häuser an der Museumsstrasse Bezug auf das 1873 bis 1877 durch Johann Christoph Kunkler im Stadtpark erstellte Museum, das heutige Natur- und Kunstmuseum, nehmen. Der Grossteil der Wohnhäuser im Gebiet (auch die bescheideneren an der Brühlbleiche-/Bürglistrasse) entstand von 1876 bis 1887.

Die Stadt leistet sich Neubauten

Die Jahre nach 1890 waren in St. Gallen durch starkes wirtschaftliches Wachstum geprägt. So konnte sich die Stadt einige imposante Neubauten leisten. Dazu zählten im Museumsquartier das Volksbad (gebaut 1904 bis 1906), die «Stadtbibliothek» (Notkerstrasse 22, 1905 bis 1907, heute belegt durch Kantonsbibliothek und Stadtarchiv), die Tonhalle (1906 bis 1909) oder die Handelsakademie (Notkerstrasse 20, 1910/11, heute belegt durch die Kanti am Brühl).

Früh entstanden im Museumsquartier die ersten Schulen: 1867 bis 1869 die «Blumenau», 1890 bis 1892 der «Talhof» und das «Bürgli». Das Hadwig-Schulhaus (heute Pädagogische Hochschule) galt bei seiner Eröffnung 1907 als modern und beispielhaft. Etwa, weil von Anfang an mit «kleinen» Klassen geplant wurde: Gebaut wurden 31 Schulzimmer mit je 48 Plätzen.

Infrastruktur im Niemandsland

Das Gebiet unterhalb Brühlbleiche- und Bürglistrasse ist bis heute eine Zone mit vielen öffentlichen Infrastrukturbauten. Was laut Marcel Mayer klar historisch bedingt ist. Zwischen den letzten Wohnhäusern des Museumsquartiers verlief einst die Grenze zwischen der alten Stadt St. Gallen und Tablat (mit dem die Stadt zusammen mit Straubenzell 1918 zum heutigen St. Gallen fusionierte). Und wie heute auch noch wurden schon damals «unangenehme» Infrastrukturen oft an den Rand des Siedlungsgebietes gebaut.

Am Ostrand des Museumsquartiers liegen daher bis heute Teile der Stadtwerke (von 1857 bis 1903 stand hier schon das Gaswerk, ab 1897 ein Elektrizitätswerk). 1897 bis 1957 wurden im heutigen VBSG-Depot Tramwagen parkiert, ab 1950 wurde dies auch mit Trolley- und Autobussen getan. Seit 1969 ist das Feuerwehrdepot hier. Und das Olma-Gelände hat nach 1950 die früher hier stehende kantonale Strafanstalt St. Jakob abgelöst.

Museum als Nachzügler

Mehrheitlich war die Überbauung des Museumsquartiers vor 1914 abgeschlossen. Ein Nachzügler des Stickereibooms war das heutige Historische und Völkerkundemuseum. Der Beschluss, es zu bauen, wurde – zufällig, aber symbolträchtig – am gleichen Tag gefasst, an dem sich in Sarajevo das Attentat auf den österreichischen Thronfolger ereignete. Es löste den Ersten Weltkrieg und das Ende des Stickereibooms aus. Gebaut wurde das Museum von 1915 bis 1922. Grössere Neubauten kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg ins Gebiet. Darunter waren Olma-Hallen, das Feuerwehrdepot, das neue Primarschulhaus Spelterini oder das Athletik-Zentrum.

Das Museumsquartier von oben: Vorne im ehemaligen Niemandsland gegen Tablat hin liegen Infrastrukturbauten (von links VBSG-Depot, Athletik-Zentrum, Feuerwehrdepot und davor der Werkhof der Stadtwerke. Dahinter links sind im Stadtpark die Museen und das Theater aufgereiht. Den rechten Bildrand dominiert das Hadwig-Schulhaus, dahinter das Spelterini-Schulhaus. (Archivbild: Philipp Baer)

Das Museumsquartier von oben: Vorne im ehemaligen Niemandsland gegen Tablat hin liegen Infrastrukturbauten (von links VBSG-Depot, Athletik-Zentrum, Feuerwehrdepot und davor der Werkhof der Stadtwerke. Dahinter links sind im Stadtpark die Museen und das Theater aufgereiht. Den rechten Bildrand dominiert das Hadwig-Schulhaus, dahinter das Spelterini-Schulhaus. (Archivbild: Philipp Baer)

Erste Bauten ab 1791: Die prächtigen Gärten auf der Rückseite der Häuserzeile am Anfang der Rorschacher Strasse bestehen bis heute. (Archivbild: Ralph Ribi)

Erste Bauten ab 1791: Die prächtigen Gärten auf der Rückseite der Häuserzeile am Anfang der Rorschacher Strasse bestehen bis heute. (Archivbild: Ralph Ribi)

Ein Namensgeber des Museumsquartiers: Der heute durch Natur- und Kunstmuseum belegte Bau im Stadtpark wurde 1877 eröffnet. (Archivbild: Ralph Ribi)

Ein Namensgeber des Museumsquartiers: Der heute durch Natur- und Kunstmuseum belegte Bau im Stadtpark wurde 1877 eröffnet. (Archivbild: Ralph Ribi)

Schön und ästhetisch bauen: Resultat von sehr allgemein formulierten Vorschriften aus den 1870er-Jahren am Beispiel der Ekkehardstrasse 2/4. (Bild: Reto Voneschen)

Schön und ästhetisch bauen: Resultat von sehr allgemein formulierten Vorschriften aus den 1870er-Jahren am Beispiel der Ekkehardstrasse 2/4. (Bild: Reto Voneschen)

Sanierungsreif: Der Ersatz des Feuerwehrdepots (Baujahr 1969) an der Steinachstrasse ist mit Rücksicht auf die Stadtkasse auf Eis gelegt. (Archivbild: Ralph Ribi)

Sanierungsreif: Der Ersatz des Feuerwehrdepots (Baujahr 1969) an der Steinachstrasse ist mit Rücksicht auf die Stadtkasse auf Eis gelegt. (Archivbild: Ralph Ribi)

Prominente Rückseite: Weil der Spelteriniplatz nicht wie geplant rundum bebaut wurde, wirkt die Fassade der Häuserzeile heute verloren. (Bild: Reto Voneschen)

Prominente Rückseite: Weil der Spelteriniplatz nicht wie geplant rundum bebaut wurde, wirkt die Fassade der Häuserzeile heute verloren. (Bild: Reto Voneschen)

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