Viel Applaus für «Mr. President»

Paul Kagame, der umstrittene ruandische Präsident, wird am St. Gallen Symposium gefeiert wie sonst kaum ein Redner. Für kritische Fragen gibt es jedoch keinen Platz.

Jürg Ackermann
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Paul Kagame: «Ruanda ist ein kleines Land, aber niemand kann uns daran hindern, grosse Visionen zu haben.» (Bild: Urs Bucher)

Paul Kagame: «Ruanda ist ein kleines Land, aber niemand kann uns daran hindern, grosse Visionen zu haben.» (Bild: Urs Bucher)

Er ist der Stargast an diesem Symposium. Vier Jahre haben sich die Organisatoren um ihn bemüht, und jetzt ist er endlich da: Paul Kagame, seit 15 Jahren Staatspräsident von Ruanda, dem kleinen westafrikanischen Land mit zwölf Millionen Einwohnern, das sich so gut entwickelt hat. Um Viertel nach acht fährt die schwarze Limousine auf dem Uni-Gelände vor. Mehrere Polizisten und afrikanische Bodyguards haben die Zone im Griff. Wer das Handy zückt und Kagame auf dem Weg zum Auditorium fotografieren will, wird mit einem kritischen Blick bestraft. Das Empfangskomitee steht bereit. «Herzlich willkommen an der Universität St. Gallen, Mister President», sagt Prorektorin Ulrike Landfester und schüttelt ihm die Hand. Der hagere und grosse Präsident genehmigt sich einen Orangensaft. Ein paar Minuten später schreitet er aufs Podium. Mit erst weicher und dann immer festerer Stimme spricht er über sein Land, das 1994 nach dem Genozid und dem Mord an einer Million Menschen ohne öffentliche Infrastruktur vor dem Abgrund stand und heute mit Stabilität, Sauberkeit und Wirtschaftswachstum glänzt.

Ein Fan von Arsenal

Wie war dieses Wunder möglich? «Um das zu verstehen, muss man erst wissen, aus welch tiefster Dunkelheit wir kamen», sagt Kagame. «Die Ressource in unserem Land sind nicht Rohstoffe, sondern die Menschen. In sie investieren wir.» Oft fällt das Wort Dialog und Konsens. Noch lieber spricht Kagame von Stabilität und Sicherheit. Nur so sei es möglich gewesen, die tiefen Gräben in der ruandischen Gesellschaft zu kitten. «Ja», sagt Kagame, «wir sind ein kleines Land. Aber niemand kann uns daran hindern, grosse Visionen zu haben.» Die da wären: Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen; nicht die in anderen afrikanischen Ländern verbreitete Opfer-Mentalität zelebrieren; die «grossartigen Möglichkeiten, welche die Globalisierung bietet», ergreifen. Ruanda ist zum Hotspot der Computerbranche in Afrika geworden. 63 Prozent der Bevölkerung telefoniert schon mit Smartphones.

Der Frage nach einer weiteren Amtszeit, welche die Verfassung eigentlich verbietet, weicht Kagame wortreich aus. Umso mehr erfahren die Zuhörer Persönliches. Dass Kagame Tennis liebt und Fan von Arsenal ist. Dass ihm seine Frau und seine vier Kinder so vieles bedeuten. Oder dass er seine Jugend in einem Flüchtlingscamp in Uganda unter schwierigsten Umständen verbrachte. «Es gab keine Schulzimmer, wir schrieben auf einem Blatt Papier auf den Knien.» Als er 15 Jahre alt war, starb sein Vater. Die eigene Geschichte von Kagame, sie spiegelt die Entwicklung des Landes: vom drohenden Abgrund zur blühenden Oase auf einem Kontinent, wo noch immer vieles in Armut und Korruption versinkt.

Erfolgsstory mit Makel

Ein langer Applaus ist «Mr. President» gewiss, als er nach einer Stunde die Bühne verlässt. Doch was ist eigentlich mit der Opposition in Ruanda, die gewaltsam unterdrückt wird? Stimmen die Berichte von Menschenrechtsorganisationen, wonach in ruandischen Gefängnissen auch gefoltert wird? Warum ist die Pressefreiheit eingeschränkt? Und warum unterstützt Kagames Regime die für ihre Blutspur gefürchteten Rebellen im Ostkongo? Kritische Fragen stellt Moderater James Chau vom chinesischen Fernsehen keine. Fragen aus dem Publikum sind nicht erlaubt. Erfolgstories à la Ruanda sollen keine Makel haben. Sie würden nur stören, vor allem dann, wenn es wie hier am Symposium auch um viele Geschäftsbeziehungen geht.

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