Verteidiger fordert mildere Strafe für Wiler Todesschützen

FLAWIL/WIL. Im Prozess um einen tödlichen Familienstreit unter Kosovaren in Wil Mitte 2008 hat der Verteidiger für den 51- jährigen Hauptangeklagten eine Freiheitsstrafe von höchstens zehn Jahren beantragt. Der Staatsanwalt hatte 15 Jahre gefordert.

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Das Kreisgericht Wil verhandelte am Mittwoch unter Polizeischutz im Gerichtsgebäude in Flawil. Dem Hauptangeklagten, einem Dachdecker aus dem Kanton Bern, wird vorgeworfen, einen 56-jährigen Mann und dessen 18-jährigen Sohn erschossen zu haben. Tatort war eine Strassenkreuzung in einem Wohnquartier in Wil.

Der Verteidiger sprach von einer «Szene wie im Chicago der 1920er Jahre» mit quietschenden Autoreifen und Schüssen auf offener Strasse. Für die blutige Eskalation des Streits seien die Opfer primär selber verantwortlich gewesen: Sie hätten ihre Gegner mit dem Auto ausgebremst und zum Anhalten gezwungen.

Danach hätten der Mann und seine zwei Söhne die Brüder des Angeklagten mit einem Schlagstock und einer Abschleppstange angegriffen. Um den Brüdern zu helfen, zückte der Angeklagte seine geladene Pistole und erschoss zwei der drei Angreifer aus nächster Nähe.

Schoss auch der Bruder?
Der Zwillingsbruder des erschossenen Sohns konnte fliehen. Auch auf ihn wurde geschossen. Unklar ist, ob dabei der Hauptangeklagte oder dessen mitangeklagter 44-jähriger Bruder schoss. An den Kleidern des Bruders fanden sich Schmauchspuren, an der Pistole DNA- Spuren. Er stritt jedoch ab, geschossen zu haben.

Der Staatsanwalt qualifizierte die tödliche Abrechnung als doppelter Mord und Mordversuch - eine besonders skrupellose Tat. Der Verteidiger widersprach: Der Hauptangeklagte habe im Affekt gehandelt. Er sei nicht in der Absicht in die Ostschweiz gefahren, Angehörige der feindlichen Familie umzubringen.

Der 51-Jährige sei wegen vorsätzlicher Tötung zu höchstens zehn Jahren Gefängnis zu verurteilen. Der Mann habe nach der Tat Reue gezeigt und den Hinterbliebenen 16'000 Franken bezahlt. Zudem habe er, als Katholik, einen muslimischen Imam gebeten, beim Versuch einer Versöhnung mit der muslimischen Opfer-Familie zu helfen.

Blutrache befürchtet
Nach dem traditionellen Recht der Kosovo-Albaner sei eine Blutrache zu befürchten, sagte der Verteidiger. Der Hauptangeklagte habe grosse Angst um seine Angehörigen. Ein im Kosovo lebender Verwandter der Opfer habe im Internet Drohungen geäussert.

Für den 44-jährigen Bruder des Hauptangeklagten, einen Hilfsarbeiter aus der Region Wil, ist eine Gefängnisstrafe von drei Jahren wegen Mordversuchs beantragt. Der Verteidiger plädierte auf Freispruch: Die Anklage basiere auf Spekulationen. Es sei nicht bewiesen, wer auf den fliehenden Zwillingsbruder geschossen habe.

Dieser 22-Jährige, dessen Vater und Bruder erschossen wurden, steht ebenfalls unter Anklage: Der Staatsanwalt wirft ihm Raufhandel und Verstösse gegen Strassenverkehrsregeln vor. Zwischen den beiden verfeindeten Familien war es schon früher wiederholt zu Beschimpfungen und Schlägereien gekommen.

Urteil am Freitag
Die Familie der Opfer fordert von den Tätern Schadenersatz und Schmerzensgeld von mehreren 100'000 Franken. Das Kreisgericht Wil gibt sein Urteil voraussichtlich am kommenden Freitag bekannt. (sda)

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