Versteckte Liebesbriefe und Spickzettel

65 Kindergärten, 20 Primarschulen und 6 Oberstufenzentren – während der Sommerferien haben die städtischen Schulhauswarte Hochsaison. Loris Zurli bringt mit seinem Team aus Mitarbeitern und Schülern die Anlage Oberzil auf Vordermann. Beim Putzen finden sie so manche Trouvaille.

Jeanette Herzog
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David Jenny hat früher selbst das Schulhaus Oberzil besucht, heute unterstützt er die Hauswarte beim «Frühlingsputz» im Sommer. (Bilder: Michel Canonica)

David Jenny hat früher selbst das Schulhaus Oberzil besucht, heute unterstützt er die Hauswarte beim «Frühlingsputz» im Sommer. (Bilder: Michel Canonica)

Der Pausenplatz des Primarschulhauses Oberzil ist leer. Und dennoch dröhnt laute Musik aus dem Innern. «Ma ma ma Mamma Maria ma, ma ma ma», unverkennbar der italienische Ohrwurm von Ricchi e Poveri aus den 1960er-Jahren. Ungewohnt ist die sonore Geräuschkulisse, welche das Lied untermalt. Im Innern des Gebäudes erklärt sich das Brummen. Es ist Hauswart Bruno Frischknecht, der dem Dreck in einem Schulzimmer mit dem Sauger zu Leibe rückt.

Putzen für die Autoprüfung

Zwei Stockwerke weiter oben spielt die Stereoanlage eine ganz andere Musik: «Here I am» von Bryan Adams aus dem Jahr 2002. Hier sind David Jenny und Marc Horlacher am Werk. Vom «italienischen Schlager» haben die beiden Schulabgänger nach bald einer Woche gemeinsamer Arbeit mit den Hauswarten die Nase voll. Nicht aber von der Arbeit. Sie entsorgen Altpapier, räumen Schulzimmer ein und aus, schrubben Böden. «Das Schulhaus zu putzen, ist ein gutbezahlter Ferienjob. Und ich mache es gar nicht mal so ungern», sagt Horlacher. Er spart für die Autoprüfung, Jenny für Ferien und Kleidung.

Der «Frühlingsputz» im Sommer ist im Primarschulhaus Oberzil ein Generationenprojekt, das Loris Zurli koordiniert. Zu seinem Team gehören zwei Angestellte, ein Lehrling, eine Hand voll Teilzeitangestellte, seine Ehefrau Melanie mit Tochter Chiara und die beiden Jugendlichen. «Die Arbeit während der Sommerferien ist streng, macht aber Spass, weil wir für einmal im Schulhaus so sein können, wie wir sind», sagt Zurli und lächelt seinen Mitarbeiter Ernani dos Santos wissend an. Während des Schulbetriebes müssten sie auf ihre Sprache achten – wegen der Lehrerinnen. «Während der Ferien können wir in den Gängen jauchzen und fluchen, so viel wir wollen.»

«I love you» in den Pult gekratzt

24 Schulzimmer, 4 Gruppenräume, 21 Eingangstüren, 27 Treppen, 40 WC- und Duschanlagen und unzählige Meter Korridor müssen gründlich gereinigt werden. 420 Kinder hinterlassen in der grössten städtischen Schulanlage ihre Spuren. «Bei den Erst- bis Drittklässlern hat es mehr Kritzeleien unter der Tischplatte», sagt Loris Zurli. «Viert- bis Sechstklässler gravieren eher mit dem Zirkel Sprüche ins Holz.» Die Schüler hinterlassen ihre Initialen, schreiben «I love you», «Kiss», Mädchennamen oder den Namen ihrer Lieblingsband auf die Pulte. Unter der Schreibmatte findet er auch hin und wieder kleine Liebesbriefe oder Spickzettel. Der Abwart weiss also, wer mit wem «verschätzelet» ist, behält es aber für sich. «Nach dem Putzen legen wir die Briefe zurück, die Spickzettel aber schmeissen wir weg.»

Übeltäter putzen «WC-Bäseli»

Als Hauswart sei er «Mädchen für alles», sagt Loris Zurli. Er kümmert sich nun schon seit sieben Jahren um die Schulanlage Oberzil – und es gefällt ihm immer noch. Die Beziehung zu Lehrern, Eltern und Kindern sei herzlich. «Manche erzählen mir am Abend nach Schulschluss ihre Sorgen. Ich habe immer ein offenes Ohr.» Selbst für seine «Kundis», also die Schüler, die den Mittwochnachmittag bei ihm verbringen, «weil sie einen Seich gemacht haben». Zuweilen sei es aber schwierig, herauszufinden, wer beispielsweise den Seifenspender angezündet hat. «Dann werden wir Abwarte zu kleinen Sherlock Holmes», sagt Zurli. Ist der Übeltäter erst einmal erwischt, wird er zum WC-Putzen eingeladen. «Insbesondere die <WC-Bäseli>-Halter sind beliebt», sagt er schmunzelnd. Während der Sommerferien aber schrubbt er die Toiletten selber. «Ich packe überall mit an.» Zusätzlich koordiniert er die Aufgaben der Mitarbeiter und Handwerker. Letztere erneuern derzeit den Turnhallenboden.

Die grössten Arbeiten werden während der ersten zwei Ferienwochen erledigt. Dann fährt Loris Zurli mit seiner Familie in die Ferien. Bis am 12. August die 420 Buben und Mädchen die Schule wieder in Beschlag nehmen.

Loris Zurli koordiniert die Putzaktion und packt auch selber mit an. (Bild: Michel Canonica)

Loris Zurli koordiniert die Putzaktion und packt auch selber mit an. (Bild: Michel Canonica)

Melanie Zurli befreit die Pulte vom Gekritzel der Schüler. (Bild: Michel Canonica)

Melanie Zurli befreit die Pulte vom Gekritzel der Schüler. (Bild: Michel Canonica)

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