Verspätungen sind ein Luxusproblem

Leserbrief «Wo bleiben die Busse im Schnee», 28.12.2012, und «Tadellose Schneereinigung», 5.1.2013

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Leserbrief «Wo bleiben die Busse im Schnee», 28.12.2012, und «Tadellose Schneereinigung», 5.1.2013

Die junge Frau, die die städtische Schneeräumung und damit verbundene Busverspätungen kritisiert, schreibt, dass sie «schliesslich auch abends noch Termine hat». Wir haben uns auch nur gross angesehen, mein Mann und ich. Wie kann es sein, dass jemand meint, jede noch so kleine Unpässlichkeit müsse ihm angepasst werden.

Allen, die sich in diesem Land mit diesem immensen Wohlstand und Luxus über solche Kleinigkeiten wie zehnminütige Verspätungen im öV beklagen, kann ich nur eines raten. Geht mal nach Afrika. Wer da jemanden fragt, wann der nächste Bus fährt, wird zur Antwort bekommen: «Etwa um 9 Uhr.» Da stehst du dann, pünktlich wie wir Schweizer eben sind, um genau 5 vor 9 Uhr an der staubigen Landstrasse, inmitten lauter lachender, fröhlicher Menschen. Du stehst nicht lange alleine. Bald wirst du gefragt, woher du kommst, wohin du gehst. Dabei schaust du in Gesichter, in denen einfach alles zu lachen scheint. Augen, Nase, Mund, ja selbst die Ohren lachen mit. Ob dieser Geselligkeit an der Bushaltestelle merkst du gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht, und wenn du dann mal auf die Uhr schaust, merkst du, dass es ja schon 10 Uhr ist. Wann fährt denn nun der nächste Bus? Na – etwa um 9 Uhr, aber vielleicht auch später und vielleicht auch erst morgen.

Wer jetzt sagt, die wissen ja nicht, was arbeiten heisst und was es heisst, Termine zu haben, das geht bei uns gar nicht, der mag ja recht haben. Denn so ein Leben, wie wir es kennen, das kennen sie nicht. Die meisten sind arme Menschen, die nicht viel besitzen. Aber jeder Tag ist ein hartes Stück Arbeit, wo es nur darum geht, die Familie zu ernähren und wenn möglich noch so viel zusammenzukriegen, dass wenigstens eines ihrer Kinder eine Schule besuchen kann. Auffallend ist aber, dass diese Menschen, trotz der Armut, enorm stolz sind; sie gehen aufrecht, ihr Lachen haben sie nicht verloren. Es herrscht ein Lebensgefühl, das dich mitreisst. Eine überschwengliche Lebensfreude. Im Bus, auf Plätzen, überall wird gelacht und getratscht, und als Fremder wirst du mit einbezogen. Sie kennen keine Rücksichtslosigkeit und Intoleranz andern gegenüber, denn da ist jeder auf jeden angewiesen. Es bringt dich einfach auf den Boden der Realität zurück.

Obwohl wir alles haben, ist es immer noch zu wenig. Immer mehr und schneller muss es gehen. Und in dem ganzen Wahnsinn vergessen wir, wie wenig es brauchte, um wirklich glücklich zu sein.

Moni Meier

Taan, 9402 Mörschwil