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VERNISSAGE: Ein Buch aus der Telefonkabine

Am Donnerstag haben der Fotograf Claudio Bäggli und die Grafikerin Soraia Simao zur kleinsten Buchvernissage der Welt eingeladen. Ob sie das auch wirklich war, bleibt ungewiss. Eng war es in der Telefonkabine bei der Tonhalle allemal.
Katharina Brenner
Claudio Bäggli (mit Hut), Soraia Simao, die Riklins und Gäste hören der Laudatio aus dem Mobiltelefon zu. (Bild: Urs Bucher)

Claudio Bäggli (mit Hut), Soraia Simao, die Riklins und Gäste hören der Laudatio aus dem Mobiltelefon zu. (Bild: Urs Bucher)

Vor der Telefonkabine stehen ein Leiterwagen mit Bier und ein Mann mit Hut, gross und schlank. Der Fotograf Claudio Bäggli. Er nimmt einen Schluck und sagt: «Ich reibe mich am Kunstmarkt.» Warum? «Weil ich nicht verstehe, dass Künstler erst nach drei Ausstellungen Fördergelder bekommen. Kunst muss frei sein.» Deshalb soll seine Vernissage ungewöhnlich sein – in der Telefonkabine neben der Tonhalle. Bereits vor einem Jahr hat er zu einer virtuellen Vernissage auf Facebook eingeladen.

Dieses Mal ist der Ort real: die Telefonkabine vor der Tonhalle. Und die Kunst ist zum Anfassen: ein Buch. Aber es gibt davon gerade mal vier Exemplare. Eins für den Fotografen, eins für die Grafikerin, ein Ansichtsexemplar und eins für die Riklin-Brüder. «Um die geht es in dem Buch. Mehr möchte ich nicht verraten», sagt Bäggli, kurz bevor es losgeht am Donnerstagabend, und nimmt noch einen Schluck.

Warum nur vier Exemplare? «Weil die Produktion sehr teuer war und die Grafik sehr anspruchsvoll.» Bäggli hat mit der St. Galler Grafikerin Soraia Simao zusammengearbeitet. Sie haben den Verlag Siba gegründet mit dem Ziel, auch in Zukunft «hochwertige Fotobücher in Kleinstauflagen» zu produzieren. Gedruckt wurde in Berlin. Mit 400 Franken müsste man pro Exemplar rechnen, bestelle jemand mehrere, könnte der Preis auf 250 Franken sinken.

Ein Buch für die Spass-Zwillinge

Wie er so über den Kunstmarkt spricht, klingt das ernst und kritisch. Und die Produktion soll aufwendig gewesen sein. Aber dann sind da die Einladung zur «kleinsten Vernissage der Welt» in der Telefonkabine, die Miniauflage von vier Stück und die offenbar besondere Rolle der St. Galler Spass-Zwillinge Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben.

Was an diesem Abend ernst gemeint ist und was nicht, bleibt offen. Das ist aber auch egal. Die Sonne scheint und im Leiterwagen stehen 100 Freibier für rund 20 Gäste.

Gegen 18 Uhr betreten die vier Personen, für die das Buch gemacht wurde, die Telefonkabine: der Fotograf, die Grafikerin und die Riklin-Zwillinge. Dann geht die Tür zu. Drum herum stehen die Gäste mit ihrem Bier in der Hand. Sie schauen zu, wie sie drinnen reden und lachen, wie Claudio Bäggli Patrik Riklin eine Papierhülle überreicht, wie dieser ein blaues Buch auspackt und zu blättern beginnt. All das sehen die Gäste, hören aber nichts. Das geht gut fünf Minuten so. Dann öffnet sich die Tür.

«Ganz schön heiss», sagen die vier, die mit Schweissperlen auf der Stirn rauskommen. Es folgt die Laudatio. Die hält ein Freund von Bäggli aus dem Südtirol. Zu hören ist er über den Lautsprecher eines Mobiltelefons. Die Qualität ist schlecht. Der Laudator sagt «poetisch», «mutig» und «Robert Walser». Weil auch die Gäste etwas von dem Buch haben sollen, blättern Frank und Patrik Riklin jetzt gemeinsam Seite für Seite um.

Links weisse Seite, rechts Bild

Das Buch mit dem blauen Leineneinband trägt den Titel «Treffen ohne Grund I bis III». Die linken Seiten sind weiss, auf den rechten ist je ein Foto abgedruckt. Die Fotos zeigen Menschen auf Sofas, Menschen im Gespräch, Menschen im Flur. Das Buch hat drei Kapitel mit je 20 Bildern. Jedes Kapitel erzählt fotografisch von einem der drei «Treffen ohne Grund», welche die Riklin-Brüder organisiert hatten. Er sei so begeistert gewesen von der Aktion, sagt Bäggli, dass er den Riklin-Brüdern dieses Geschenk machen wollte. Die sagen, es sei eine grosse Ehre. Patrik Riklin erzählt von den Treffen: «Wenn Leute einfach so zusammenkommen, werden sie auf ihr Menschsein zurückgeworfen.» Da sind sie wieder: die Gesellschaftskritik und das Gefühl, dass da einer mit dem Auge zwinkert. Daneben steht der Leiterwagen mit dem Bier.

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