VERNISSAGE: Braves Schaf mit Blume

Edith Horlacher hat mit der Hilfe von Claudia Roemmel ein neues Buch mit Collagen und Versen herausgegeben. Nicht nur für Kinder ein Werk des liebevollen Hinhörens und -sehens.

Brigitte Schmid-Gugler
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Edith Horlacher musste sich als Kind mehrmals wegen einer Behinderung an der Hand operieren lassen. Im Spital begann sie zu malen und zu zeichnen. Später klebte, stickte und nähte sie ihre Bilder. (Bild: Ralph Ribi)

Edith Horlacher musste sich als Kind mehrmals wegen einer Behinderung an der Hand operieren lassen. Im Spital begann sie zu malen und zu zeichnen. Später klebte, stickte und nähte sie ihre Bilder. (Bild: Ralph Ribi)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

«Es isch allpott Obig.» Das ist der Satz, den Edith Horlacher an ihrem Küchentisch sitzend gleich als erstes sagt. Das Tischtuch ist rot-weiss kariert, hinter ihrem Rücken sind die Nachtvorhänge zugezogen. Ein heller Leinenstoff, bestickt mit farbigen Bäumen und Tieren. Eine frühe Handarbeit der Künstlerin, deren Wohnung in St. Gallen das Lebenswerk von 82 Jahren beherbergt. Und es wundert einen nicht, dass sie sich wünschte, es würde später Abend. Ihrer überbordenden Fantasie, gepaart mit Neugierde und Lebensfreude sind mehr Stunden geschuldet, als die Tage hergeben. «Kaum habe ich für mich gedacht, es dürfte in meinem Alter schon ein bisschen weniger werden, habe ich schon wieder ein Blatt Papier und Leim in der Hand», sagt sie lachend und holt aus dem Nebenzimmer ein grosses grünes Buch: Es beinhaltet Texte und Bilder zum Thema «Alter», eine Sammlung von Collagen auf selbst geschöpftem Papier, welche die Künstlerin vor sechs Jahren als Wettbewerbsbeitrag geschrieben und gestaltet hatte.

Jeder Augenblick ist einer zum Festhalten

Edith Horlacher wendet sich darin Menschen zu, die sie teilweise weit über ihr eigenes Pensionsalter hinweg betreut und gepflegt hat. «Aus Menschen- und Nächstenliebe», wie die frühere Krankenschwester und Ergotherapeutin sagt. Früher sei sie ja ziemlich fromm gewesen. Oft habe sie biblische Themen in ihren genähten und gestickten Bildern festgehalten. Und die Weihnachtsgeschichte als dreidimensionalen Wandteppich «verlismet». Heute sehe sie viele Dinge etwas nüchterner. Das befreie das Gemüt vom schlechten Gewissen, das einem von kirchlicher Seite gerne aufgebrummt werde und mache den Blick und das Gehör frei für all die Eindrücke, Sprachfetzen, die sie aufschnappe und dann sofort irgendwie verarbeiten müsse. Neulich habe sie in der Stadt einen Vater mit einem kleinen Kind beobachtet. «Das Kind schrie aus Leibeskräften. Ich hörte den Vater zu ihm sagen: ‹Bisch ganz sälber tschuld›». Es stellte sich heraus, dass es seinen Ballon nicht richtig festgehalten hatte. Oder im Zug nach Zürich. Sie hatte eine Näharbeit dabei und schaffte es bei dem Gewackel nicht, den Faden einzufädeln. Der Mann, der ihr gegenüber gesessen sei, habe ihr angeboten, es für sie zu tun. «Doch er schaffte es auch nicht. Da kam der Kondukteur und sagte: ‹Geben sie her›. Aber auch er bekundete Mühe mit Einfädeln.»

Lustige Anekdoten, die später zu Bildern und Versen werden. Auch ihre aus Zeitungsschnipseln gestalteten Tiercollagen im neuen Buch werden von handgeschriebenen Versen begleitet: «Ein Schaf soo brav geht besuchen Tante Julia und bringt ihr diese Blume da.»

Sie hat sich nie als Künstlerin verstanden

Dass diese liebe- und kunstvolle volle Reihe nun zwischen zwei Buchdeckeln an die Öffentlichkeit kommt, ist der Tänzerin und Performerin Claudia Roemmel zu verdanken. Die beiden Frauen kennen sich seit vielen Jahren. Roemmel habe ihr den notwendigen «Schtupf» gegeben. So, wie es auch für ihre Ausstellungen immer Menschen gab, die Edith Horlacher aus der Reserve locken mussten. Sie habe halt immer gedacht, das sei doch alles nur ein Gebastel. Das «Gebastel» kann sich sehen lassen: Wohin der Blick in der Wohnung schweift, stapeln sich Blätter, hängen ihre fröhlichen Motive, liegen ihre Stickereien und Patchworks aus kleinsten Stoffteilchen.

Edith Horlacher steht auf, geht ins Nebenzimmer und bringt Malbüchlein und Lepo­rellos. Die kinderbuchreifen ­Geschichten erzählen von Ted­- dy- und anderen Bären, von Zitronenfaltern, Kühen und Eichhörnchen. Kein Zweifel, diese Frau besitzt ein Seh- und Hörvermögen, das in tiefste Schichten der Wahrnehmung reicht.

Vernissage

So, 12. November, Raum für Literatur, Hauptpost, Eingang St. Leon­hard-Strasse, 16 Uhr.