Vernetzen statt abkapseln

Was Hänschen in den ersten fünf Lebensjahren nicht lernt, fehlt ihm später. Um allen Kindern einen erfolgreichen Start ins Leben zu ermöglichen, startete die Schule Wittenbach kürzlich das Projekt «Elbi»: Elternbildung in der Spielgruppe.

Corinne Allenspach
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Wittenbach. «Das goht mir gliich», entfährt es einer jungen Mutter, als sie die Aufgabe im Würfelspiel liest: Bei einer Umfrage antworteten auf die Frage «Wie kommen Sie mit der Erziehung Ihrer Kinder zurecht?» rund die Hälfte der Eltern, dass sie öfters an ihre Grenzen stossen. Was antworten Sie diesen Eltern?

Zwischen den Müttern, die an diesem Morgen ins Ulrichsheim gekommen sind und den «Elbi»-Morgen spielerisch starten, entsteht sofort eine angeregte Diskussion. Erfahrungen werden ausgetauscht, Fragen gestellt, Tips gegeben.

Und man ist sich einig, dass es Tage gibt, an denen das Quengeln der Kinder einfach weniger gut zu ertragen ist, weil man selber nicht mag.

Den Dorfbrunnen ersetzen

Sich austauschen können unter seinesgleichen, das ist eines der Ziele des Projekts «Elbi»: Elternbildung in der Spielgruppe, welches die Primarschule Wittenbach vor kurzem gestartet hat. «Früher gab es den Dorfbrunnen», sagt Schulrätin Doris Nick, selber dreifache Mutter. «Heute sind Eltern mit ihren Fragen manchmal furchtbar allein.

» Dabei hätten die meisten Eltern ja die gleichen Probleme, was die Erziehung der Kinder angehe.

Hans Hinder, seit bald 20 Jahren als Erziehungs- und Jugendberater der Gemeinde Wittenbach tätig, weiss um diese Tatsache. «Heute besteht die Tendenz, dass man sich abkapselt, wenn man Probleme in der Familie hat», sagt er. Vielmals brauche man aber den Kontakt nach aussen, sollte sich vernetzen.

Denn meist helfe es schon zu hören, dass auch andere Kinder Jacke und Schuhe beim Heimkommen achtlos in die Ecke werfen oder den Salat nicht essen wollen.

Regeln «brennen sich ein»

Hans Hinder weiss auch, dass Regeln, die ein Kind in den ersten fünf Lebensjahren lernt, sich «einbrennen». Als Beispiel bringt er die Geschichte eines Jugendlichen, der alles macht, was verboten ist.

«Aber eins muss man ihm lassen, er kommt immer pünktlich nach Hause», habe die Mutter in Gesprächen stets betont. Pünktlichkeit in der Familie habe der inzwischen junge Mann von Kindsbeinen an als wichtig erlebt.

Ein Viertel sind Väter

Die Eltern für die Entwicklung ihres Kindes sensibilisieren und ihnen die eine oder andere Anregung geben, das ist das Hauptziel von «Elbi». Das Projekt will aber nicht belehren, sondern versteht sich als freiwilliges Angebot an all jene, die es nutzen möchten.

Seit den Herbstferien haben rund 80 Eltern von Wittenbacher Spielgruppenkindern in kleinen Gruppen am ersten Projektteil teilgenommen. Davon seien rund ein Viertel Männer gewesen, sagt Hans Hinder. Thema des von ihm geleiteten Morgens: «Präsenz in der Erziehung» oder «Wie finde ich den Mittelweg zwischen ganz streng sein und immer nachgeben?». Das Interesse der Eltern an Erziehungsthemen habe er als gross erlebt, sagt Hans Hinder: «Wenn die Atmosphäre stimmt, trauen sie sich auch, Fragen zu stellen und eigene Beispiele zu bringen.

» Der erste «Elbi»-Projektteil wurde kürzlich abgeschlossen. Im laufenden Schuljahr werden zwei weitere Morgen folgen, der eine wird sich ums Thema Milchzähne drehen. Möglich sei das ganze Projekt nur, weil es von allen Spielgruppenleiterinnen mitgetragen werde, betont Doris Nick.

Eltern zeigen Präsenz

Im Ulrichsheim wird derweil der Fall «Jacke hinschmeissen beim Heimkommen» zu Ende diskutiert.

«Einfach aus der Küche zu rufen: <Häng die Jacke auf>, funktioniert leider meistens nicht», sagt Hans Hinder. Gute Erfahrungen habe er gemacht, wenn Eltern räumliche Präsenz zeigten und an Ort und Stelle warteten, bis das Kind die Jacke sauber aufgehängt habe. Wobei ein entsprechendes Lob nicht fehlen dürfe. «Denn Liebe ist vermutlich die wichtigste Form, Präsenz zu zeigen.»

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