VERKEHRSUNTERRICHT: In der Haut eines Lastwagenfahrers

Was genau ist ein toter Winkel? Schüler aus Wittenbach sind dieser Frage auf den Grund gegangen. Die Kantonspolizei führt dazu in verschiedenen Gemeinden praktische Übungen durch.

Perrine Woodtli
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Unter polizeilicher Beobachtung lernen die Schülerinnen und Schüler, was es heisst, sich in einem toten Winkel zu befinden. (Bild: Ralph Ribi)

Unter polizeilicher Beobachtung lernen die Schülerinnen und Schüler, was es heisst, sich in einem toten Winkel zu befinden. (Bild: Ralph Ribi)

Perrine Woodtli

perrine.woodtli

@tagblatt.ch

Isabelle schaut konzentriert in den Rückspiegel. Die 12-Jährige hat es sich auf dem Fahrersitz des Lastwagens bequem gemacht. Eine Klassenkollegin fährt auf dem Velo rechts vorbei. «Stop», ruft Isabelle, als sie die Kollegin nicht mehr sieht. Diese befindet sich nun im sogenannten toten Winkel. Zu diesem toten Winkel führt die Abteilung Verkehrsinstruktion der Kantonspolizei St. Gallen regelmässig Demons­trationen durch. In den vergangenen drei Tagen machte die Polizei Halt beim Feuerwehrdepot in Wittenbach. Alle Schüler der Mittelstufe konnten für einmal statt auf ihren Stühlen in einem Lastwagen Platz nehmen. Mit der Instruktion will die Polizei die Schüler auf die Gefahren eines toten Winkels hinweisen. Die Instruktionen führt die Polizei seit rund 30 Jahren durch. «Unser Ziel ist es, dass wir alle drei Jahre in jede Gemeinde kommen. So ist jeder Schüler einmal während seiner Mittelstufenzeit dabei», sagt Verkehrsinstruktor Kurt Moser.

«Die Kinder lernen hier Lebensrettendes»

An diesem Mittwochvormittag ist unter anderem die 6. Klasse von Dana Braumann an der Reihe. Begonnen wird mit ein wenig Theorie. «Wir fühlen uns doch alle nicht wohl, wenn wir mit dem Velo neben einem Lastwagen fahren oder halten müssen, oder?», fragt Kurt Moser in die Runde. Die Schüler nicken. Einige sagen, dass sie sich unsicher fühlen, andere weichen jeweils gleich aufs Trottoir aus. Davon aber rät der Polizist ab. Bei einem Halt an einem Signal sollen die Schüler hinter dem Lastwagen warten und nicht neben ihm. So könne der Chauffeur den Velofahrer sehen und der Velofahrer sei aus der Gefahrenzone. Während des Fahrens gilt laut Moser: «Langsamer fahren und cool bleiben.» Nicht nur beim Velofahren gilt es, acht zu geben. «Auch Fussgänger auf dem Fussgängerstreifen können sich im toten Winkel befinden», sagt Moser. Deshalb müsse man stets einen genügend grossen Abstand beim Überqueren der Strasse zum Wagen einhalten. «Sonst sieht der Chauffeur euch nicht. Und er kann nur auf das achten, was er auch sieht.» Um zu verdeutlichen, was alles passieren kann, wenn sich jemand im toten Winkel befindet, zeigt Moser auch Zeitungsausschnitte von tödlichen Verkehrsunfällen.

Nach der Theorie geht es nach draussen zu Verkehrsins­truktor Lothar Balser. Jeder Schüler darf sich einmal in den Lastwagen setzen, ein anderer fährt mit dem Velo rechts vorbei. «Die Schüler können sich so in die Situation des Fahrers hineinversetzen», sagt Balser. Die Schüler sehen, ab wann sich der Kollege nicht mehr im Blickfeld befindet. «Die Kinder verstehen die Gefahr besser, wenn sie es selbst erleben», sagt Balser. Dass die Instruktion in der Mittelstufe durchgeführt wird, hat einen einfachen Grund: «Die Kinder sind dann gross genug, um überhaupt etwas vom Lastwagen aus zu sehen.»

Für einmal in die Rolle eines Lastwagenchauffeurs zu schlüpfen, macht den Kindern sichtlich Spass. Schliesslich bietet sich einem nicht jeden Tag die Möglichkeit, sich hinters Steuer zu setzen. Auch die Lehrerin ist begeistert. «Ich finde diese Instruktion wirklich sehr wichtig. Die Schüler lernen hier Lebensrettendes», sagt Dana Braumann. Der Kurs komme immer gut an bei ihren Klassen. «Es ist eine schöne Abwechslung zum Unterricht. Und natürlich hilft es den Schülern. Sie fühlen sich danach einfach sicherer.» Die Instruktion «Toter Winkel» findet heute und morgen nun in Abtwil statt.